Marcus Scholz

17. Juli 2020

Als ich den letzten Artikel von Herrn Dr. Ringelband gelesen hatte, war ich sehr angetan. Denn das, was dort erwähnt wird, ist eben genau das Problem, das der HSV hat: Die Auswahl des richtigen Personals. Festzumachen ist das immer daran, dass viele Spieler mit großen Vorschusslorbeeren am Ende in Hamburg nicht mal im Ansatz das performen, was man sich von ihnen hatte versprechen dürfen.  „Der HSV macht seine Spieler schlechter“ heißt es dann immer ganz salopp. Und das wiederum gilt als Mysterium. Dabei ist es oftmals gar nicht so schwer zu erklären. Siehe die letzten zwei Blogs von Herrn Dr. Ringelband.

Am interessantesten aber waren die Reaktionen auf den Blog. Von einigen begeisterten Kommentaren bis hin zu vielen, die das als Scharlatanerie abtun wollten war alles dabei. Vor allem aber Skepsis. Und genau diese Haltung ist es eben, die den HSV nicht funktionieren lässt. Denn diese Haltung ist bei den HSV-Offiziellen leider noch zu oft zu finden gewesen. Wirklich neue Wege gehen wollte hier in den letzten zehn Jahren trotz anderslautender Ankündigungen niemand. Und auch jetzt sind es bislang nur schöne Worte, denen die Rechtfertigung erst noch folgen muss.

Filip Kostic bestätigt das große HSV-Dilemma

Aber in einem Punkt sind wir uns doch alle einig: Dieser HSV muss endlich zu einem Verein werden, der das Maximum aus seinen Spielern herausholt, oder? Sätze wie der heute passenderweise von Filip Kostic „…dann kam die Eintracht, hat mich wieder ins Leben zurückgeholt und meine Karriere wiederbelebt“ bestätigen nur noch einmal, dass das Klima in Hamburg offenbar leistungsfeindlicher ist als anderswo. Es ist zumindest in vielen Punkten leistungshemmend.

Auch, weil man in Hamburg zu einfach denkt. Hier wurden Spieler teuer gekauft und mit einer Leistungsgarantier gleichgesetzt, der sie nicht entsprechen konnten/wollten. Es wurde im Grunde das Gegenteil von dem hergestellt, was man „positive Entwicklung“ nennt. Man war sich zu schade, wirklich die Basis der Talente zu durchforsten und man war zu groß, um diesen kleinen Talenten auch die Bühne und die Zeit zu geben, sich zu großen Spielern zu entwickeln. Vor allem aber nahm man sich einfach nicht die Zeit, seine Neuen eben genau so zu durchleuchten, wie Ringelband es hier vorschlägt.

Ich bin tatsächlich weit davon entfernt, den Fußball zu sehr zu verwissenschaftlichen, aber die Ansätze von Herrn Dr. Ringelband sehe ich beim HSV als zu 100 Prozent gegeben. Denn einen Slot, in dem sich Talente entwickeln, hatte der HSV eigentlich nie. Denn entweder man spielte gegen den Abstieg und brauchte die Erfahrung gestandener, teurer Spieler, für die man sich in Schulden schmiss. Oder man wollte den Abstieg wiedergutmachen und brauchte – natürlich die Erfahrung gestandener und viel zu oft viel zu teurer Spieler. Kurzum: Man arbeitete beim HSV irgendwie immer reaktiv auf das hin, was man vorher gerade verbockt hatte.

Dem HSV fehlt(e) bislang eine klare Strategie

Und gerade deshalb ist der Ansatz, sich einem Plan zu unterwerfen und diesen konsequent und mit allen Mitteln abzuarbeiten, absolut richtig. Psychologie gehört in jeder Sportart wie die Physis und Talent zu den entscheidenden Qualitätsmerkmalen. Und zur Psychologie gehört eben einfach mehr als ein fettes Gehalt, beste Trainingsbedingungen und den HSV in der Vita stehen zu haben. Das alles mag dem einen oder anderen helfen, über den eigenen Stolz Selbstvertrauen zu entwickeln. Und das ist gut. Aber es führt leider auch zu oft zu Zufriedenheit – wenn der Verein nicht entsprechend gegensteuert. Und das hat der HSV zu selten gemacht.

 

Ringelband fordert im Grunde nichts anderes, als die Basis, die die HSV-Führung mitbringen MUSS: die Sorgfalt, nur die bestmöglichen Mitarbeiter (in diesem Fall Spieler und Trainer) auszuwählen. Und dazu gehört auch die Vorstellungskraft, wie sich gewisse Qualitäten, die Spieler woanders zeugen, beim HSV auswirken. Siehe Kostic und zig andere Fälle zuvor. Dass da jemand von einem „Sch…blog“ schreibt, will mir daher nicht nur nicht in den Kopf. Es lässt mich sogar befürchten, dass das Umfeld in Hamburg trotz der sich immer wiederholenden Fehler noch immer nicht professionell genug denkt, um zu erkennen, was falsch läuft. Selbst Spitzenklubs wie Bayern München und RB Leipzig setzen schon längst auf die Dienste von Psychologen - der HSV nicht! Hier wird stattdessen seit Jahren immer wieder nach verpassten Zielen von einem „Druck-Problem“ gesprochen, dem die Spieler ausgesetzt sind. Und diejenigen, die am meisten darüber meckern, lehnen einen Blog wie den gestrigen von Herrn Dr. Ringelband so kategorisch aus? Was für eine Ironie…!

Und was für eine Verkennung Ringelbands. Ehrlich gesagt hätte ich es wahrscheinlich nicht so moderat reagiert wie er. Aber lest selbst:

Liebe Kommentatoren,  vielen Dank für euer Feedback zu meinen Beiträgen.  Zu dem Beitrag "Moneyball" möchte ich noch ein paar Anmerkungen nachschieben.  Ich kann die Abneigung vieler gegen Psychologen und Psychologie allgemein nachvollziehen. In der Tat gibt es in unserer Zunft viele Scharlatane und bei weitem mehr unseriöse als seriöse Verfahren. Wer meint, einen Menschen nach dem Ankreuzen von ein paar Fragen in einem Fragebogen einschätzen zu können, arbeitet nicht seriös. (Übrigens: das in dem Spiegel-Artikel erwähnte Verfahren "Reiss-Profile" gilt in der Wissenschaft als eher unseriös.)  Wenn wir in der Firma, in der ich arbeite, Manager einschätzen, nehmen wir uns für eine Person ca. 10 Stunden Zeit mit zwei Beratern und setzen viele unterschiedliche Verfahren ein. Am Ende des Tages gibt es dann ein rundes Bild, in dem sich auch der Kandidat durchaus wiederfindet. Denn: es gibt Verfahren, mit denen man viel über die berufliche Eignung von Menschen für bestimmte Aufgaben erfahren kann - und das mit erstaunlich hoher Trefferquote. Natürlich müssen Fußballspieler in erster Linie kicken und laufen können, aber mit der richtigen Zusammensetzung an Charakteren kann man immer noch mal 10-20% Leistung herauskitzeln. Die Persönlichkeit mag im Fußball nicht ganz so bedeutsam sein wie in der Wirtschaft, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass man mit psychologischer Kompetenz viele der Fehlentscheidungen beim HSV - und zwar sowohl bei Spielern wie im Management - hätte verhindern können.  Bei der Mannschaft würde es mir in erster Linie nicht darum gehen, die Fehlgriffe zu verhindern (etwa die, die nur wegen des Geldes zum HSV kommen), sondern die passenden Spieler auszuwählen, die zur Mannschaft, zur Philosophie des Trainers und des Vereins passen. Wie letzteres auszusehen hat, kann der Psychologe nicht sagen - das muss der Verein selbst erstmal definieren. Außerdem weiß der Trainer so von vornherein, wie ein Spieler "tickt", d.h. was er braucht um seine Leistungsfähigkeit abzurufen.  Mit Psychologie alleine wird man den Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga nicht schaffen. Aber es gibt Dutzende von kleinen Rädchen, an denen man drehen kann um den Verein leistungsfähiger zu machen, Psychologie ist eines davon.

Ich kann nur hoffen, dass sich der HSV sehr wohl und sehr viel intensiver mit diesem Thema auseinandersetzt, als es bisher den Anschein macht. Es muss auch beim HSV endlich ein Roter Faden nicht nur proklamiert, sondern auch ungesetzt werden. Leipzig beispielsweise setzt fest definierte Parameter beim Alter, dem Gehalt oder auch sportlichen Attributen wie Sprintgeschwindigkeit an, die jeder Neue erfüllen muss. Erfüllt der potenzielle Kandidat eine Anforderung nicht, wird er nicht verpflichtet. Völlig unabhängig davon, ob er Messi, Ronaldo oder Heiko Westermann heißt.

Es fühlt sich ein wenig so an, als würde man auf jemanden einschlagen, der schon am Boden liegt, aber: Was wollen wir wetten, dass einer der größten HSV- Flops der letzten Monate, Hee-Chan Hwang, bei RB Leipzig einschlägt? Nicht, weil er inzwischen besser geworden ist, sondern weil die Leipziger einen klaren Plan haben, wie sie den Südkoreaner gewinnbringend einsetzen können. Nun haben sie in diesem Fall noch den klaren Vorteil, dass sie Hwang bei Partnerklub RB Salzburg zuletzt ein Jahr lang auch außerhalb des Platzes beobachten konnten. Aber ich weiß, dass sich die Sachsen nicht allein über die fußballerischen Fähigkeiten informieren. Und das kann der HSV auch.

HSV kann sich schnell verbessern - wenn er es will

Er könnte er auf jeden Fall, wenn er es wollte. Und wie es funktionieren kann, das konnte sie in den Ausführungen von Herrn Dr. Ringelband nachlesen. Selbst vereinsintern gab es diesen Ansatz schon zu Zeiten Bernhard Peters. Der einstige Nachwuchschef hatte immer wieder die Einbindung eines oder mehrere Psychologen gefordert – auch als Hilfe für die Suche nach geeigneten, neuen Spielern. Leider wurde Peters, weil er an sich schon sehr eigen ist, intern in dieser Angelegenheit als zu „verkopft“ verkannt. Heute weiß man es besser – auch wenn das nie irgendjemand zugeben würde.

Einen Ansatz, wie es funktionieren kann, liefert Klaus Gjasula, der nach Youngster Amadou Onana als erfahrener Mentalitätsspieler geholt wurde. Er bringt auf dem Papier genau das mit, was dem HSV laut Trainer Daniel Thioune in der vergangenen Saison im Mittelfeld gefehlt und verletzlich gemacht hatte: Erfahrung, Härte, Führungsmentalität. Das sagen die Verantwortlichen. Und das bestätigen Mitspieler wie Mergim Mavraj. Und da ich mir hier nicht anmaßen kann, es besser zu wissen – bleibt mir wie Euch erst einmal nichts, als zu hoffen, dass das alles so stimmt.

 

Aber selbst wenn das alles stimmt, ist das eben noch lange kein Garant für Verbesserung beim HSV. Nicht, weil es hier besonders schwierig ist. Das ist Bullshit. Hier wurde in den letzten Jahren schlichtweg nicht genügend darauf Wert gelegt, die Gegebenheiten und Neuerungen intern zu analysieren und aufeinander abzustimmen, bevor sie beschlossen werden. Jetzt läuft dem HSV immer schneller die Zeit davon. Aber um das zu verhindern kann ein Psychologe – ohne den Anspruch auf Unfehlbarkeit – ganz sicher helfen. Aber: Es gar nicht erst nicht zu versuchen, empfinde ich als ebenso fahrlässig, wie darauf von vornherein mit Ablehnung zu reagieren. Es ist schlichtweg unprofessionell. Von daher freue ich mich riesig über die Ausführungen von Herrn Dr. Ringelband hier bei uns. Und für alle, die psychologische Unterstützung aus Prinzip ablehnen: Zu erkennen, was man nicht braucht und was nicht umsetzbar ist, gehört auch dazu, schlauer und besser zu werden…

In diesem Sinne, bis morgen.

Scholle

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