Marcus Scholz

27. Mai 2020

Per Charterflieger ging es für die Spieler des HSV heute nach Stuttgart, wo morgen Abend (20.30 Uhr, Mercedes-Benz-Arena) das Spitzenspiel beim VfB Stuttgart stattfindet. Bis auf Jan Gyamerah und Gideon Jung, die in Hamburg Belastungstests absolvieren, sowie Ewerton kann Trainer Dieter Hecking auf alle Spieler zurückgreifen. Und das wird bei den extrem heimstarken Stuttgartern auch nötig sein. Denn im eigenen Stadion holte der VfB in 13 Partien bereits 31 Punkte (zehn Siege, ein Remis, zwei Niederlagen). Das bedeutet Platz 1 in der Heimtabelle. Der HSV konnte dagegen auswärts nur eines der letzten zwölf Auswärtsspiele gewinnen (3:1 in Bochum/20. Spieltag). Damit wird es höchste Zeit, beide Statistiken zu drehen - findet auch HSV-Trainer Dieter Hecking, der vor dem Spiel selbstbewusst davon sprach, dass man bestens gerüstet sei. Der Vergleich der beiden Topteams:

Die Ausgangslage

VfB Stuttgart: Die Schwaben stehen nach zwei Niederlagen in Folge bei nur noch einem Punkt Vorsprung auf Rang vier (zumindest Stand heute 18 Uhr) mächtig unter Zugzwang. Sie müssen gegen den HSV gewinnen, wenn sie Platz zwei nicht frühzeitig aus den eigenen Händen geben wollen. Der erste Platz scheint für die Schwaben bei acht Punkten Rückstand (wie für alle anderen auch) nahezu aussichtslos. Platz drei wäre bei den Schwaben – ähnlich dem HSV – eine Enttäuschung, Platz vier eine deftige Niederlage. Insofern brachte es Trainer Matarazzo schon gut auf den Punkt, als er am Montag sagte: „Im Spiel gegen den HSV geht es schon um alles.“

HSV: Nach dreieinhalb guten Halbzeiten gibt sich nicht nur Trainer Dieter Hecking betont optimistisch. Nachdem man in Fürth noch in der Nachspielzeit den bitteren Ausgleich hinnehmen musste, erspielte man sich auch gegen Tabellenführer Bielefeld mehr als ausreichend gute Torchancen, um das Spiel zu gewinnen. Aber bei allem verständlichen Lob bleiben die zwei letztlich erreichten Punkte aus vier Spielen zu wenig für den Anspruch, direkt aufzusteigen. Von daher lastet ein naturgemäßer Ergebnisdruck auf dem HSV. Obgleich Hecking im Gegensatz zu Matarazzo nicht von einem „Alles-oder-nichts“-Spiel spricht, weiß auch er, wie wichtig ein Dreier in Stuttgart wäre.

 

Das größte Problem

VfB Stuttgart: VfB-Cheftrainer Matarazzo tauschte am vergangenes Wochenende gegen Kiel gleich auf vier Positionen Personal: In die Anfangsformation rückten Startelfdebütant Clinton Mola anstelle von Gonzalo Castro, Pascal Stenzel anstelle von Nathaniel Phillips, Holger Badstuber anstelle von Marc Oliver Kempf und Atakan Karazor anstelle von Silas Wamangituka. Gegen den HSV scheint der VfB-Coach erneut rotieren zu wollen. Das bringt viel Unruhe und nur wenig Eingespieltheit, sagen die Kritiker. Matarazzo hingegen hofft, so auf ausgeruhte Kräfte im Spitzenspiel zurückgreifen zu können. Zudem sah Didavi in Kiel Gelbrot und wird den Schwaben gegen den HSV fehlen. Der zentrale Mittelfeldspieler gilt als das Herz des VfB-Spiels.

HSV: Trifft man vorne, wackelt man hinten. Steht man hinten sicher – trifft der HSV vorn nicht. So könnte man die ersten beiden Spiele nach Corona zusammenfassen und damit die Mischung beschrieben, die leider noch nicht erfolgreich funktioniert hat. Vielmehr gilt es jetzt, die gegen Bielefeld schon in großen Teilen gefundene Balance aus mutiger Offensive und trotzdem abgesicherter, stabiler Defensive zu finden. Soll heißen: Dem HSV fehlt nicht viel zum richtig guten UND erfolgreichen Spiel. Aber es fehlt noch etwas.

Der Lichtblick

VfB Stuttgart: Mit Trainer Pellegrino Matarazzo wurde der Vertrag vorzeitig bis 2022 verlängert. Der Vertrag sei für die 1. und 2. Liga gültig, teilte der Verein am Mittwoch mit. Ursprünglich war der Kontrakt bis zum 30. Juni 2021 datiert. Damit setzten die Schwaben vor dem Spitzenspiel ein klares Zeichen. „Mit der seit mehreren Wochen geplanten Vertragsverlängerung möchten wir deutlich zum Ausdruck bringen, dass wir Kontinuität leben wollen“, sagte der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger. Der VfB, der für seine etlichen Trainerwechsel bekannt ist, hatte Matarazzo in der Winterpause als Nachfolger für Tim Walter verpflichtet. In der Öffentlichkeit steht Matarazzo nach zwei Niederlagen in Folge in der Kritik.

 

HSV: Die Defensive stand gegen Bielefeld wieder sicherer, die Offensive hatte Chancen en Masse – aber sie traf nicht. Gegen Stuttgart ist Bakery Jatta, der zuletzt ob seiner kräftezehrenden Fastenzeit etwas geschwächt wirkte, zudem wieder im Vollbesitz seiner Kräfte und damit wieder eine Alternative für die Startelf. Zudem kann Trainer Dieter Hecking personell aus dem Vollen schöpfen und hat gerade offensiv alle Zutaten, um sein Spiel dauerhaft zu variieren. Den Brecher Pohjanpalo, den wuseligen, erfahrenen Harnik, und den langen, vor dem Tor eigentlich coolen Hinterseer. Dahinter kann er zwischen Erfahrung (Hunt) sowie „jung und wild“ (Schaub, Kittel, Dudziak) wählen, was gerade auf den nächsten Gegner ausgerichtet am besten passt. Einziges Problem: Mit van Drongelen, Beyer, Hinterseer und Jatta droht vier Spielern bei der nächsten Verwarnung eine Gelbsperre.

Das spannendste Duell

Der VfB gilt als eines der kopfballstärkeren Teams – der HSV hat gerade in der Luft die größten Probleme.  Wer verteidigt gegen Gomez, wer gegen den aufrückenden Badstuber, und wer verteidigt gegen Wamangituka? Zudem dürfte das Aufeinandertreffen der vielleicht zwei besten Mittelfelder der Liga interessant werden. Ex-HSVer Orel Mangala gegen Aaron Hunt und Jeremy Dudziak gegen Ondo sowie Adrian Fein gegen den wohl für den gesperrten Didavi nachrückenden Castro. Und: Können die schnellen Offensivspieler die jeweils nicht allzu schnellen Innenverteidigungen beider Klubs knacken? Man kann es tatsächlich drehen und wenden, wie man will: Auf fast allen Positionen bewegen sich der VfB und der HSV auf Augenhöhe. Es wird also nicht nur auf ein oder wenige direkte Duelle ankommen, sondern auf die Summer aller.

Wobei ein Duell dann statistisch zumindest Spannung verspricht: Tim Leibold stand beim HSV in allen 27 Ligaspielen über die volle Distanz auf dem Platz, war als Linksverteidiger bereits an 14 Toren direkt beteiligt (1 Tor, 13 Vorlagen) und findet sich im Laufleistungs-Ranking mit 286,61 Kilometern (10,62 km/90 Min.) auf Rang 14 wieder. Einen Platz vor Leibold steht in dieser Statistik Pascal Stenzel vom VfB Stuttgart. Der Rechtsverteidiger verpasste nur 108 Minuten (zwei Einwechslungen, eine Auswechslung) und spulte trotzdem schon 292,45 Kilometer (11,29 km/90 Min.) ab. Allein bei den Torvorlagen fällt der U-Nationalspieler mit nur einem Assist gegenüber seinem HSV-Pendant deutlich ab.

Taktik

VfB Stuttgart: Kobel - Stenzel, Badstuber,, Kempf, Mola - Endo, Mangala - Förster, Castro, Gonzalez - Gomez.

HSV: Heuer Fernandes - Beyer, Letschert, van Drongelen, Leibold - Fein - Jatta, Hunt, Dudziak, Kittel - Harnik.

 

Ausblick

VfB Stuttgart: Der VfB versucht sich im Schulterschluss mit dem Trainer noch einmal geschlossen auf die letzten Spieltage einzustimmen. Nach dem HSV steht für die Schwaben die Auswärtspartie bei Dynamo Dresden an. Die Sachsen sind ihrerseits bislang durch ihre Corona-Fälle noch nicht wieder im Spielbetrieb und debütieren nach der für sie nunmehr elf Wochen Corona-Pause gegen den VfB - was man durchaus als Vorteil für die Stuttgarter werten kann. Nach Dresden kommt dann Osnabrück, ehe es zum KSC geht. Alles machbare Aufgaben. Schon deshalb hoffen die Stuttgarter, mit einem Sieg gegen den HSV den Startschuss für eine Serie zu setzen.

HSV: Mit einem Sieg gegen den VfL und bei noch drei Heim- sowie anschließend nur noch einem Auswärtsspiel könnte sich der HSV die beste Ausgangsposition aller Mannschaften hinter Bielefeld verschaffen, auf die man bis auf vier Punkte ranrücken könnte, da die Arminia an diesem Spieltag spielfrei ist. Zudem würde man nach zwei guten Spielen ohne ausreichend Ertrag endlich den ersten Sieg nach Corona feiern, was nicht ganz unwichtig für den im Schlussspurt der Saison immer entscheidender werdenden Kopf ist.

Fazit

Es ist tatsächlich in fast allen Belangen ein Duell auf Augenhöhe. "Es wird die Mannschaft gewinnen, die geiler auf den Sieg ist", sagte Adrian Fein heute bei den Kollegen - und genau damit trifft er es sehr gut. Denn morgen werden Nuancen entscheiden. Und obwohl wir alle nicht im Stadion dabei sein können, bleibt uns immerhin die sensationelle Alternative der „Auswärtscouch“. Morgen beim Spiel werden wir - im vorgeschrieben Abstand - mit HSV-Elvis vor dem TV sitzen und freuen uns auf viele von Euch, die sich bei uns einschalten und mit uns zusammen leiden und freuen.

 

In diesem Sinne, bis morgen dann! Da melde ich wieder um 7.30 Uhr mit den letzten News zum Spitzenspiel, ehe wir uns ab 20 Uhr dann von der Auswärtscouch melden. Wir freuen uns auf einen spannungsreichen, erfolgreichen Spitzenspiel-Abend mit Euch!

Scholle

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