Kevin

25. Juli 2018

In wenigen Tagen beginnt für den HSV ein neues Kapitel Vereinsgeschichte. Und auch wenn Christian Titz bei seiner Vorstellung sagte: "Was war, interessiert mich nicht. Es zählt nur noch das Hier und Jetzt", lohnt ein Blick auf die Geschichte der Trainer, die auszogen den neuen HSV zu erfinden.

 

"Ich kenne keinen Trainer auf der Welt, der dem HSV helfen könnte. Ein neuer Trainer müsste ein Zauberer sein. Vielleicht kann ein Zauberer vom Zirkus Krone oder Zirkus Sarrasani helfen."

- Franz Beckenbauer

 

Rückblende

Am Dienstag, den 26.09.2009, teilt der HSV mit, dass Martin Jol den Verein verlässt. Er sollte eine neue Ära begründen, doch nach nur einem Jahr in Hamburg wechselt der Coach zu Ajax Amsterdam. Für die Fans ist der Abschied des Holländers nach dem Erreichen des Saison-Minimalziels EuroLeague ein Schock. Schließlich waren die Hanseaten – trotz der bitteren Derby-Tage gegen Werder Bremen – unter seiner Regie aufgeblüht. Der Verein erreichte erstmals seit 26 Jahren wieder ein Europapokal-Halbfinale, die Vorschlussrunde des DFB-Pokals und spielte lange um die deutsche Meisterschaft mit.

Selbst Bundestrainer Joachim Löw bedauerte Jols Abschied, da sich der HSV unter dem „hervorragenden Trainer“ weiterentwickelt habe. „Er hat neue Ideen und Impulse nach Deutschland gebracht“, sagte Löw.

 

Jols Liga-Bilanz:

19 Siege, 4 Remis, 11 Niederlagen / Punkteschnitt 1,79

 

Der Ehrgeizige

Als Nachfolger Jols wird Bruno Labbadia vom Ligarivalen Bayer Leverkusen aus dem Vertrag gekauft. Obwohl von einem Zerwürfnis zwischen Labbadia und einigen Spielern berichtet wird und sein Rauswurf nur noch eine Frage der Zeit schien, wurde eine Ablösesumme von 1,3 Millionen Euro gezahlt. Am 07.Juni 2009 tritt Labbadia einen 3-Jahresvertrag an. "Das ist hier eine tolle Aufgabe, die ich vor mir habe. Ich freue mich auf die nächsten Wochen, Monate und Jahre, in denen wir gemeinsam etwas aufbauen wollen. Ich habe keine Ausstiegsklausel, denn mein Ziel ist es, hier langfristig zu arbeiten. Gute Arbeit zeichnet sich erst dann aus. Der Anspruch des Vereins muss es sein, unter die ersten drei zu kommen", so Labbadia bei seiner Vorstellung.

Trotz der 2.Runden-Blamage im DFB-Pokal gegen Drittligist Osnabrück, startet die Saison fulminant. Mit Siegen u.a. gegen den BVB (4:1) und bei Meister Wolfsburg (4:2), steht der HSV an Spieltag 7., nach einem 1:0 gegen den FC Bayern an der Tabellenspitze. Ganz Fußball-Deutschland schwärmt vom Hamburger-Angriffsfußball. „Wir spielen weiter nach vorn, wir verwalten das Ergebnis nicht. Deswegen macht es gerade so viel Spaß“, lobt Angreifer Mladen Petric. Klare Strukturen und der Wille, das Spiel zu machen, zeichnet die Mannschaft aus. Labbadia setzt dabei meist auf ein 4-4-2 mit Doppelsechs und präzisem Flachpass-Fußball. Nie in seiner Hamburger Zeit sei so viel und so akribisch Taktisches trainiert worden, sagt Nationalspieler Piotr Trochowski.

Ebenso spektakulär wie es begann, kommt auch das Ende im April 2010. Nach wiederkehrenden Gerüchten zu disziplinarischen Problemen zwischen Trainer und Mannschaft, die in einer 1:5 Arbeitsverweigerung am 32. Spieltag in Hoffenheim münden, wird Labbadia, wenige Tage vor dem EuroLeague-Halbfinal-Rückspiel gegen den FC Fulham, für den Rest der Saison durch Technik-Trainer Ricardo Moniz ersetzt. Labbadia erhält eine Abfindung in Höhe von 1,2 Millionen Euro, der HSV scheidet im Halbfinale der EuroLeague aus und verpasst mit Platz 7 erstmals seit 5 Jahren die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb.

 

Labbadias Liga-Bilanz:

12 Siege, 12 Remis, 8 Niederlagen / Punkteschnitt 1,50

 

Der Vehler

Im Mai 2010 gelingt dem HSV laut Medien eine überraschende Verpflichtung. Der 49 Jahre alte VfB-Meistermacher Armin Veh wird neuer Übungsleiter. Er erhält einen 2-Jahres-Vertrag bis zum 30. Juni 2012. Veh nährt bei seiner Vorstellung die Hoffnung auf eine bessere Zukunft: "Wir haben die große Chance, etwas zu erreichen. Da wir nicht im Europapokal spielen, können wir uns voll auf Meisterschaft und Pokal konzentrieren. Deshalb bin ich felsenfest vom Erfolg überzeugt. In Hamburg gibt es ähnliche Voraussetzungen wie in Stuttgart 2007".

Im DFB-Pokal scheidet der HSV wie im Vorjahr in Runde 2 aus. Veh musste erkrankt im Hotel mit ansehen, wie sein Co-Trainer Michael Oenning die Truppe zu einem 2:5 Debakel in Frankfurt coachte. Immerhin konnte man sich somit früh in der Saison ausschließlich auf die Liga konzentrieren. Nach einem 1:0 am 8. Spieltag auswärts beim FSV Mainz, der mit 7 Siegen im Rücken als Tabellenführer in die Begegnung ging, belegt der HSV Platz 5 in der Tabelle und schien auf Kurs. Veh, eigentlich ein Verfechter der Raute, baute zu Beginn auf ein 4-2-3-1-System. "Die Mannschaft ist prädestiniert für diese Grundordnung. Wir haben die Spielertypen, um diese Taktik durchzuführen", so Veh. Platz 9 zur Halbserie und eine historische 0:1 Stadtderby-Pleite am 16.02.2011 weiter, wächst der Druck auf ihn. Idol Uwe Seeler wirft dem Trainer Konzeptlosigkeit vor, es sei "keine Handschrift" zu erkennen. Nach dem 26. Spieltag und Platz 8 wird Veh erlöst. Keine 24 Stunden nach der 0:6-Demütigung beim FC Bayern wird die Reißleine gezogen und der Trainer beurlaubt. Michael Oenning soll zusammen mit Regionalliga-Coach Rodolfo Esteban Cardoso die verkorkste Saison nun zu einem versöhnlichen Ausklang bringen. Veh wird der Abschied mit einer Abfindung von 500.000 Euro versüßt.

David Jarolim, als Kapitän von Veh abgesetzt, trat im Sommer 2011 verbal gegen seinen früheren Coach nach: „Bei ihm habe ich von Anfang gemerkt, dass es nicht passt“, wurde er in Hamburger Medien zitiert. Bei Huub Stevens sei das Wichtigste gewesen, dass die Null steht, Martin Jol und Bruno Labbadia hätten offensiv spielen lassen, aber deren Nachfolger habe nie deutlich gemacht, welches System er favorisiere. „Ich persönlich habe nicht gewusst, was Veh will“.

Einige Jahre später gibt Armin Veh zu Protokoll: "Es hat mir damals gut gefallen beim HSV. Ich habe die Stadt Hamburg lieben gelernt, auch die Mannschaft hat nicht so schlecht performed. Ich wollte eigentlich länger beim HSV bleiben. Aber das war nicht möglich, weil eine unglaubliche Unruhe im Verein herrschte. Da hat ja jeder reingequatscht."

 

Vehs Liga-Bilanz:

11 Siege, 4 Remis, 11 Niederlagen / Punkteschnitt 1,42

 

Der Virtuose

Michael Oenning, eigentlich nur als Interimslösung gedacht, erhält zur Überraschung aller einen Cheftrainer-Vertrag bis 2012. In seiner ersten Pressekonferenz erklärte der studierte Gymnasiallehrer und passionierte Klavierspieler, wie er die Aufgabe anpacken will: "Wir haben noch acht Spiele, da ist noch eine Menge möglich. Am Samstag wollen wir erst einmal eine Reaktion zeigen und das 0:6 bei Bayern München nicht auf uns sitzen lassen.“ Die weiteren Ziele benennt Oenning mit "Schönen Fußball spielen und jedes Spiel gewinnen".

Wie entfesselt zerlegt der HSV am 19.03.2011 den 1.FC Köln im heimischen Volkspark mit 6:2. Es sollte Michael Oennings einziger Bundesliga-Sieg seiner gesamten Ära beim HSV bleiben. Die Saison 2010/2011 endete mit 45 Punkten auf Platz 8, saisonübergreifend bleibt Oenning 13 Spiele sieglos und wird am 19.09.2011 nach einem 0:1 in Gladbach auf Platz 18 entlassen. Seine Abfindung beträgt 500.000 Euro. Rodolfo Esteban Cardoso übernimmt vorerst das Traineramt, wegen einer fehlenden Lizenz wird er kurz darauf aber (für ein Spiel) von Sportchef Frank Arnesen abgelöst.

Oenning hatte es nie geschafft, seiner Mannschaft Leidenschaft vorzuleben. Im Training ließ er vieles durchgehen, griff bei Nachlässigkeiten nicht durch. Sein Training galt als einseitig und uninspiriert, das Coaching während der Spiele war schwach, seine Taktik irritierte, eine Spielidee war nie zu erkennen. Die gleichen Dinge wurden ihm bereits nach seinem Rauswurf in Nürnberg nachgesagt.

 

Oennings Liga-Bilanz:

1 Sieg, 6 Remis, 7 Niederlagen / Punkteschnitt 0,64

 

Der Puppenspieler

Am 14. Oktober 2011 verpflichtet der HSV Wunschtrainer Thorsten Fink. Er wird nach zähem Ringen für knapp eine Millionen Euro vom FC Basel freigekauft und erhält einen Vertrag bis 2014. Sein ehemaliger Trainer Ottmar Hitzfeld beglückwünscht den HSV für diese Entscheidung: "Er ist ein Spitzentrainer, der irgendwann beim FC Bayern landen wird, weil er das Bayern-Gen hat". Entsprechend selbstbewusst startet Thorsten Fink in sein Amt. „Die Mannschaft wird erfolgreich sein, wenn sie mein Denken und meine Philosophie umsetzt“, sagte Fink bei seiner Vorstellung. „Wir haben vor allem in der Offensive eine großartige Qualität". Man wolle agieren und dem Gegner mit viel Ballbesitz das eigene Spiel aufdrängen.

Die ersten 9 Pflichtspiele bleibt Fink unbesiegt, darunter allerdings 6 Unentschieden in der Liga sowie das Weiterkommen in der 2. Runde des DFB-Pokals bei Viertligist Eintracht Trier. In der 110. Minute erzielte Dennis Aogo per Freistoss-Tor den vielumjubelten Siegtreffer. Kurz vor Weihnachten scheidet der HSV in diesem Wettbewerb dann im Achtelfinale gegen den VfB Stuttgart aus. Dennoch war bereits nach wenigen Spieltagen klar, dass sein System "der abkippenden Sechs". Dem HSV nach der Planlosigkeit des Vorgängers gut tat. Der neue, dominantere Spielstil spiegelte sich vor allem in der Statistik wieder. Ballbesitz, Passquote und Anzahl der Torschüsse wurden erheblich gesteigert.

Nach dem Jahreswechsel machte Finks Team genau da weiter, wo es aufhörte – mit Ballbesitzfußball. Fortschritte waren allerdings kaum noch erkennbar. Zu selten schaffte die Mannschaft Überzahl in Ballnähe, schlechtes Gegenpressing war die Folge. Hinzu kam, dass sich die Gegner immer besser auf das neue System eingestellt hatten. Das extrem risikoreiche Auffächern der Außenverteidiger bei Ballbesitz sorgte dafür, dass bei gutem Pressing des Gegners die Passwege zugestellt waren und so das Aufbauspiel zum Erliegen kam. Der Abstieg konnte letztlich dennoch vorzeitig verhindert werden. Der Club beendet die Spielzeit 2011/2012 mit 36 Punkten auf Rang 15. Der schlechtesten Platzierung der Vereinsgeschichte – bis dahin.

In der Sommervorbereitung legte Fink einen zusätzlichen Fokus auf die Einstellung seiner Mannschaft: "Wir müssen jedes Spiel gewinnen wollen. Ein Spieler muss weiterkommen wollen. Das ist die Charaktereigenschaft ‚Siegeswillen‘". Mit einem Vergleich machte er den Spieler klar, was er meinte: "Wenn man in die Disco geht und die schönste Frau haben will und sagt: Hör mal, willst du mit mir gehen? So klappt das nicht. Man muss sagen: Hey Puppe, ich bin der geilste Typ, du kommst mit mir! Man muss etwas wirklich wollen und das ausstrahlen“.

Zum Start gab es direkt einen Dämpfer für Finks Puppenkiste: Trotz zweimaliger Führung verlor man im Pokal 4:2 beim Drittligisten Karlsruher SC. In der Bundesliga startete Fink mit 3 Niederlagen, die Angst der Fans vor einer erneuten Zitter-Saison wuchs. Die Mannschaft aber fing sich und holte aus den nächsten 4 Spielen 10 Punkte. Die Hinrunde beendete man mit 24 Zählern auf Platz 10, der Rückstand auf Rang 6 betrug jedoch nur 2 Punkte. So wurde in Hamburg bereits wieder das Lied vom Europapokal angestimmt.

Der Sprung auf jene Plätze gelang erstmalig am 09.02.2013. An diesem jenen 21. Spieltag schlug der HSV vor 80.645 Zuschauern den Meister BVB im Signal Iduna Park mit 4:1. Es war ein packendes Spiel, das zwar denkbar schlecht mit dem frühen 0:1 begann, nach roten Karten für Lewandowski und Bruma sowie je einem Doppelpack von Son und Rudnevs, am Ende aber nicht nur die Fans, sondern auch Trainer und Spieler in einen Jubelrausch versetzte. So genoss auch Rafael van der Vaart zusammen mit seinen Mitstreitern die Freudengesänge in der Gäste-Kurve: „Unglaublich. Wir haben das gefeiert wie die Meisterschaft“.

Die Euphorie allerdings hielt sich nicht lange im Volkspark. Bereits zwei Wochen später, nach einem 1:5 im kleinen Nordderby gegen Hannover 96, war man wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Dachte man zumindest.

Finks Kampfansage vor dem Spiel beim designierten Meister FC Bayern "Wir wollen uns nicht verstecken, wir wollen auch nach vorne spielen", entpuppte sich schnell als Worthülse. Schon zur Halbzeit gab es nur noch ein Thema im Stadion und an den Bildschirmen: Wackelt er nur, der historisch höchste Bundesligasieg (12:0) oder fällt er tatsächlich?

Schlussendlich wurde die Frage "Wie hat der FC Bayern gespielt?" an diesem Tage von der Apple-Software Siri mit "Die Mannschaft FC Bayern München hat die Mannschaft Hamburger SV heute mit 9:2 zerstört" beantwortet. Auch wenn Fink in dieser Saison noch einen beachtlichen Platz 7 bei 48 Punkten erreichte und den Sprung in den Europapokal erst am letzten Spieltag verpasste, dürfte dieses denkwürdige Spiel als Anfang vom Ende seines Wirkens in die Geschichte eingehen.

Die Serie 2013/2014 begann für ihn und seinen HSV mit einem Spektakel auf Schalke. Am Ende hieß es nach zweimaliger Führung 3:3. Das erste Heimspiel dagegen endete direkt in einer Katastrophe. Vor 47.483 entsetzten Fans wurde Finks HSV von der TSG Hoffenheim mit 1:5 überrannt. Spätestens nach diesem Spiel war (fast) allen klar: Fink und seine abkippende Sechs liegen in den letzten Zügen.

Die Trennung von Thorsten Fink am 16.09.2013 zwei Tage nach dem 2:6 in Dortmund kam somit wenig überraschend. Mit 4 Punkten aus fünf Spielen liegt der HSV zu diesem Zeitpunkt auf Platz 15. Fink wird zum Abschied ein Schmerzensgeld von 800.000 Euro zuteil. Die Mannschaft übernimmt wieder einmal Rodolfo Esteban Cardoso, verliert aber direkt das 99.Nordderby mit 0:2 und rutscht auf den Relegationsplatz ab.

 

Finks Liga-Bilanz:

21 Siege, 18 Remis, 25 Niederlagen / Punkteschnitt 1,27

 

Der Ritter

Mit Lambertus "Bert" van Marwijk versuchte sich dann ein international erfahrener und anerkannter Trainer am Projekt HSV. Der Ex-Trainer der Elftal, welche er 2010 zum Vize-Weltmeistertitel geführt hatte und dafür in seiner Heimat zum Ritter im Orden von Oranien-Nassau geschlagen wurde, unterschrieb einen Vertrag bis 2015. Mit den Worten "Hamburg ist eine phantastische Stadt, der HSV hat ein prächtiges Team mit einer großen Tradition und einem schönen Stadion. So ein Verein muss immer um Platz eins bis sechs in der Bundesliga spielen", beginnt er seine Mission am 23.09.2013.

Die Spieler der 2010er WM-Elf schätzten an van Marwijk am meisten seine Art der Menschenführung. Er biedere sich nicht übermäßig bei der Mannschaft an, gleichzeitig verzichtet er darauf, sich als überstrenger Hardliner zu profilieren. Sein Stil im Miteinander sei geprägt von pragmatischer Flexibilität. Oder wie es van Marwijk selbst formulierte: "Ich bin sehr offen zu meinen Spielern. Sie dürfen mich nachts anrufen und ich bin für sie da, aber gleichzeitig zeige ich ihnen klare Grenzen auf". Das van Marwijk seit seiner Zeit bei Borussia Dortmund auch als ausgesprochener Sturkopf galt, nahm man dabei wissend in Kauf.

Das erste Spiel unter seiner Regie, ein 2:2 in Frankfurt, wurde zwar nicht gewonnen, seine Ansprache aber schien bereits erste Früchte zu tragen. Die Mannschaft stabilisierte sich, von den nächsten 7 Spielen wurden nur zwei verloren. Um die verunsicherte Mannschaft in die Spur zu bringen, setzt van Marwijk auf ein 4-2-3-1, gegen den Ball wurde aus der Grundformation ein 4-4-2. Der HSV klettert mit dieser Taktik in der Tabelle auf Rang 11 und ließ die Abstiegszone hinter sich. Im DFB-Pokal zog van Marwijk mit dem HSV nach einem 2:1 Heimsieg gegen den 1.FC Köln erstmals seit 2008/2009 wieder ins Viertelfinale ein.

Am Samstag den 15.02.2014 wird Bert van Marwijk nach 5 Monaten Amtszeit entlassen. Der Rauswurf traf auf Unverständnis bei Ritter Bert - "es gab keinen Spieler im Team, der gegen mich war. Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass ich die Jungs nicht mehr erreiche, wäre ich sofort freiwillig gegangen". Zuvor hatte der HSV bei Eintracht Braunschweig 2:4 verloren. Es war die siebte Bundesliga-Niederlage in Folge, zuzüglich einer 0:5 Heimklatsche gegen Bayern München im DFB-Pokal. Die Gesamtbilanz war ernüchternd: Platz 17 nach 21 Spielen, zwei Punkte hinter dem Relegationsplatz.

Oliver Kreuzer sagte später rückblickend "Im Nachhinein war die Verpflichtung von Bert van Marwijk ein Fehler. Er war ein Fußballfachmann, ihm fehlte aber im entscheidenden Moment das Gespür, Dinge wie Trainingsaufwand und -umfang zu verändern". Van Marwijk bekam eine Abfindung von 2 Millionen Euro.

 

Van Marwijks Liga-Bilanz:

3 Siege, 3 Remis, 9 Niederlagen / Punkteschnitt 0,80

 

Der Nette

Am 17.02.2014 wird Mirko Slomka als Retter im Hamburg vorgestellt. Um 13.06 Uhr erklärt er den versammelten Medien: "Der Hamburger SV ist ein großartiger Verein, die Mannschaft ist toll zusammengestellt und hat eine hohe Qualität. Der HSV sollte in Deutschland immer zu den Top Five gehören. Daher wollen wir natürlich nicht an die 2. Liga denken, aber es wäre blauäugig, sich damit nicht zu beschäftigen. Natürlich bin ich auch bereit für den HSV in der 2. Liga, mein Vertrag geht schließlich bis 2016". Von der ersten Minute an zeigt sich der studierte Mathelehrer dabei so, wie man ihn von seinen vorherigen Stationen kannte: Sympathisch, uneitel, menschlich und eloquent. Nicht umsonst taufte man ihn einst in Gelsenkirchen "Der nette Herr Slomka". Das Kritiker ihm das schon damals als fehlende Härte auslegten – nur eine Randnotiz am Tag der Hoffnung in Hamburg. Gleich mit seinem ersten Auftritt als Trainer der Hanseaten schaffte er tatsächlich den umjubelten Befreiungsschlag. Der Dino setzte sich am 22. Spieltag verdient gegen Borussia Dortmund durch. Den emotionalsten Moment allerdings gab es schon vor dem Anpfiff: Mit einer beeindruckenden Choreographie wurde dem verstorbenen Kultmasseur Hermann Rieger gedacht. Das Spiel wurde 3:0 gewonnen, den Schlusspunkt setzte Hakan Calhanoglu mit einem frechen 40-Meter-Freistoß. Der Glaube an den Klassenerhalt war zurück.

Slomka vertraute auch in Hamburg überwiegend auf "sein" System, ein 4-4-2, das bei Ballbesitz zu einem 4-4-1-1 wird. Frühes Pressing, schnelles Umschalten, schneller Torabschluss. Slomkas legendäre "Zehn-Sekunden-Regel" ließ sich jedoch nicht wirklich umsetzen – es fehlten schlicht die geeigneten Spieler.

Dass der HSV am 34. Spieltag auf Platz 16 einlief, gleicht noch heute einem Fußballwunder. Nie zuvor reichten weniger Punkte (27) für den Relegationsrang. Keines der letzten 5 Spiele wurde gewonnen, da aber Nürnberg und Braunschweig das gleiche Kunststück gelang, durfte man weiter vom Klassenerhalt träumen.

Am 15.05.2014 stieg dann das Hinspiel vor 57.000 Zuschauern in der Imtech-Arena. Der Gegner war die SpVgg Greuther Fürth. Slomkas Mannschaft enttäuschte nahezu komplett. Der Zweitligist war die deutlich bessere Mannschaft, hatte ein klares Chancenplus, Fürth wirkte körperlich und geistig frischer, immer einen Tick handlungsschneller, konnte dies jedoch nicht entscheidet ummünzen. Ein für den HSV schmeichelhaftes 0:0 war die Konsequenz. Man stand am Rande zur zweiten Liga. 1:1 endete das Rückspiel. Ein Ergebnis das gerade so reichte das der Dino, Dino blieb. Man ging früh in der 14. Minute nach einem Eckball von Rafael van der Vaart durch Pierre-Michel Lasogga 1:0 in Führung, Fürth glich in der 59.Minute aus, setzte spät im Spiel alles auf eine Karte, der HSV wankte, fiel aber nicht. Und so hüpfte Slomka am Sonntag den 18.05.2014 nach dem Abpfiff, in Fürth, am Rande zur zweiten Liga, zum Klassenerhalt.

Trotz aller Zweifel in Verein und Umfeld, ob Mirko Slomka in der Spielzeit 2014/2015 die Wende zum Besseren schaffen wird, startete man mit ihm in den Spielbetrieb. Das erste Heimspiel am 2. Spieltag gegen Aufsteiger und krassen Außenseiter Paderborn wird sang und klanglos 0:3 verloren, dabei hatte Slomka noch vor dem Spiel gewarnt: "Das ist nicht der Viererbob von Jamaika, sondern eine richtig gute Mannschaft". Verstanden hatte es offenbar niemand. Slomka, der nun saisonübergreifend seit neun Spielen auf einen Sieg wartete, war nicht mehr zu halten, durfte aber seine Schaffenszeit noch mit einer weiteren Niederlage bei seinem Ex-Club Hannover 96 abmoderieren. Am 15.09.2014 wird Slomka beim HSV rausgeworfen, klagt sich zu einer Abfindung von 1,8 Millionen Euro und wird später einmal über seine Zeit in Hamburg sagen "Der HSV hat mich ausgesaugt".

 

Slomkas Liga-Bilanz:

3 Siege, 3 Remis, 10 Niederlagen / Punkteschnitt 0,75

 

Der Millionär

Zum neuen Übungsleiter wird einen Tag später der 44-jährige, bisherige U23-Trainer Josef Zinnbauer ernannt. Von ihm, der mit 24 neben seiner Fußballer-Karriere als Finanzberater bereits Millionen verdiente und laut Jürgen Klopp zu dieser Zeit drei Handys hatte, erhoffte man sich, laut Dietmar Beiersdorfer, neue Impulse und eine Emotionalisierung des Teams. Zinnbauer sei keine Interimslösung, allerdings vorerst ein Coach „bis auf Weiteres". Zur ersten Bewährungsprobe wartete auf Zinnbauer ausgerechnet der FC Bayern „Normalerweise stehen meine Mannschaften für Dominanz auf dem Platz. Gegen die Bayern muss ich mir da wohl ein anderes Konzept überlegen“, nahm Zinnbauer es im Vorfeld gelassen. Zu Recht wie sich herausstellen sollte.

Der Jubel war riesig nach dem 0:0 gegen den Rekordmeister. Dass man noch immer tor- und sieglos auf einem Abstiegsplatz stand, interessierte fast niemanden. „Zum ersten Mal seit Ewigkeiten sind wir wieder als Team aufgetreten“, frohlockte Kapitän Heiko Westermann. Auch Lewis Holtby war voll des Lobes: „Der Trainer hat uns brennend heiß gemacht. Jeder hat für den anderen auf dem Platz geackert".

Am 27.10.2014, zwei Tage nach einer 0:3 Pleite in Berlin, wird der Trainer "bis auf Weiteres" offiziell mit einem Vertrag bis 2016 ausgestattet. Er hatte es geschafft, das die Mannschaft zumindest phasenweise wieder engagiert und couragiert auftrat. Auch versuchte Ferrari-Joe, sein Spitzname aus jungen Jahren, endlich junge Spieler aus der U23 in das Team einzubauen. Dies war offenbar genug, ihm für die Zukunft das Vertrauen zu schenken. Das nur eines seiner 6 Spiele gewonnen wurde, eine spielerisch und taktische Entwicklung nicht erkennbar war und man weiterhin auf Platz 16 stand – Nebensache.

Am 21.Spieltag setzte es mit einem 0:8-Massaker die obligatorische Klatsche beim FC Bayern. Zinnbauer sprach nach dem Spiel von einer "auch in dieser Höhe verdienten" Niederlage. Mit Angsthasen-Fußball der Extraklasse und völlig überforderten Spielern, hatte man sich seinem Schicksal gefügt. Konsequenzen aber gab es keine.

Diese folgten am 20.03.2015 nach einer 0:1 Heimpleite gegen den direkten Konkurrenten Hertha BSC. Nach dem sechsten Spiel in Folge ohne Sieg, dem 15ten ohne eigenes Tor und weiterhin Platz 16, wurde erneut die Notbremse gezogen. Den Rucksack als Trainer sollte bis Saisonende nun der Direktor Profifußball Peter Knäbel tragen, der aber schon nach zwei weiteren Pleiten und Platz 18 durch einen alten Bekannten ersetzt werden sollte. Zinnbauer ging zurück in die zweite Reihe und war der erste Trainer seit Martin Jol, der keine Abfindung erhielt.

 

Zinnbauers Liga-Bilanz:

6 Siege, 6 Remis, 11 Niederlagen / Punkteschnitt 1,0

 

Der Retter

Am 15.04.2015 unterschrieb der zuletzt arbeitslose Bruno Labbadia einen Vertrag bis Sommer 2016, um den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte doch noch verhindern. „Es ist schwer, aber auch eine Herausforderung. Das Leben ist zu kurz, um zu überlegen, wie schwer alles ist. Ich habe Bock darauf, den HSV zu retten.“

Und tatsächlich gelingt es Labbadia, mit 10 Punkten aus den letzten 6 Spielen, das vorerst rettende Ufer Relegation zu erklimmen. Mit einer denkbar ungünstigen Ausgangslage, durch das mehr als glücklichen 1:1 aus dem ersten Duell im Gepäck, beginnt am 01.06.2015 um 19:00 Uhr im Karlsruher Wildpark ein Drama, das sich für immer tief in die Gedächtnisse aller Beteiligten einfräsen wird. Als das 1:0 für Karlsruhe durch Yabo auch nach Ablauf der regulären Spielzeit noch an der Anzeigentafel leuchtete, der erste Abstieg des HSV also kurz bevorstand, wurde ganz Fußball-Deutschland langsam bewusst, das in einem der nächsten Augenblicke Geschichte geschrieben wird. Und Sie wurde geschrieben. In der Nachspielzeit bekommt ein Karlsruher aus kurzer Distanz den Ball an dem Arm, Schiedsrichter Manuel Gräfe entscheidet auf Handspiel und gibt Freistoß für den HSV. Alle wussten, danach ist Schluss. „Tomorrow, my friend, tomorrow.“

Marcelo Diaz erzielt das auf ewig epische 1:1, Nicolai Müller netzte in der Verlängerung zum Sieg, der HSV hatte wieder den Kopf aus der Schlinge gezogen. Mit Glück, aber auch dank Bruno Labbadia, der einer toten Mannschaft den nötigen Willen eingehaucht hatte.

Ungewohnt bescheiden formulierte Labbadia die Erwartungen zur neuen Saison. "Es macht keinen Sinn zu sagen, was unser Ziel ist. Wir können nur sagen, dass wir mit einer sehr großen Energie, aber auch mit einer Portion Demut in die Saison reingehen. Wir wissen, dass wir nur über die Arbeit, Arbeit, Arbeit kommen. Das ist der Weg, den wir jetzt gehen müssen". Nach einem holprigen Start, mit dem Pokal-Aus gegen Viertligist Carl-Zeiss Jena und der 0:5 Auftaktklatsche beim Dauermeister FC Bayern, grüßte Labbadia zum Weihnachtsfest von Platz 10 mit 22 Punkten, 7 Punkte vor Nordrivale Bremen, der auf dem Relegationsplatz überwinterte und nur 4 Punkte hinter der Werkself aus Wolfsburg auf Rang 7.

Den Traum, eine Saison ohne Abstiegskampf, zum Greifen nahe, wurde der Vertrag mit Labbadia im Januar 2016 um ein weiteres Jahr verlängern. Dass es überwiegend schnöde, fußballerische Hausmannskost in einem immer gleichen 4-2-3-1-System zu sehen gab, störte ob der Sehnsucht nach Konstanz auf dem Trainerposten nur wenige. In einer für Hamburger Verhältnisse ruhigen, beinahe lobenswert langweiligen Rückrunde, geriet man nie ernsthaft in Abstiegsgefahr und ging mit Platz 10 und 41 Punkten in die Sommerpause.

Beim Trainingsauftakt zur Saison 2016/2017 strotzte Labbadia nur so vor Tatendrang. "Wir haben große Lust und großen Hunger auf die neue Spielzeit! Ich freue mich mit den Spielern den nächsten Schritt zu gehen. Wir arbeiten jetzt seit etwas mehr als einem Jahr zusammen und haben eine gute Entwicklung genommen. Wir möchten uns jetzt nicht nur tabellarisch, sondern vor allem im fußballerischen Bereich weiterentwickeln". Im April 2017 wird Labbadia im „Sportschau-Club“ erklären, dass er eigentlich in diesem Sommer zurücktreten wollte. „Ich habe in der Saison-Vorbereitung gespürt, dass ich aufhören sollte. Für mich selber war die Entscheidung eigentlich gefallen. Ich habe mich dann aber noch umstimmen lassen, ich wollte die Mannschaft nicht im Stich lassen“. Auslöser seien Unstimmigkeiten über die Transferpolitik mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden und Sportchef Dietmar Beiersdorfer gewesen.

So aber begleitete Labbadia das Team durch die Wochen bis zum ersten Pflichtspiel, welches am 22.08.2016, durch einen Treffer von Neuzugang Alen Halilovic, mit 1:0 im DFB-Pokal beim FSV Zwickau gewonnen wurde. Zum Auftakt in der Liga gab es dann ein mageres 1:1 gegen Aufsteiger Ingolstadt. Was folgte waren Niederlagen gegen Leverkusen und Leipzig sowie ein lebloses 0:1 in Freiburg.

Labbadias erneutes Ende in Hamburg war beschlossene Sache. Daran änderte auch ein starkes Spiel gegen den FC Bayern (0:1) nichts mehr. Ein Punkt aus fünf Spielen und die Tatsache der 17 Monate andauernden fußballerischen Stagnation, trotz hoher finanzieller Investitionen in den Kader, ließen keine andere Wahl. Am 25.09.2016 gab der HSV die Trennung von Retter Bruno bekannt. Labbadia erhielt eine Abfindung in Höhe von 1,3 Millionen Euro.

 

Labbadias Liga-Bilanz:

16 Siege, 11 Remis, 22 Niederlagen / Punkteschnitt 1,20

 

Der immer lacht

Wenige Stunden nach dem Labbadia-Aus ist klar: Markus Gisdol soll den HSV zurück in die Erfolgsspur bringen. Auf eigenen Wunsch unterzeichnet er nur einen Vertrag bis zum Saisonende 2017. Um 13:30 Uhr am 26.09.2016 wird der 47-jährige vorgestellt. Immer freundlich, immer lächelnd präsentiert sich Gisdol den Medienvertretern: "Hamburg ist ein Brett, es ist ein wahnsinnig geiler Club und ich gehe positiv und mit großer Vorfreude an die Arbeit. Ich finde die Mannschaft unheimlich spannend".

Von den ersten 8 Pflichtspielen gewinnt Gisdol lediglich in der 2. Runde des DFB-Pokal gegen Drittligist Hallescher FC. Nach 10 Spieltagen ist der HSV mit mageren 2 Punkten bei 4:23 Toren Tabellenletzter. Der Trainerwechsel-Effekt war offenbar wirkungslos verpufft. Gisdol probierte viel, zuletzt gar ein flaches 5-4-1 beim 2:5 gegen den BVB. Doch seine Idee aus frühem Pressing und schnellem Umschalten wollte einfach nicht funktionieren.

Wie aber sollte das Wunder Klassenerhalt noch erreicht werden? Dietmar Beiersdorfer erklärte es so: „Das wichtigste ist festzustellen, dass wir nach zehn Spielen zwei Punkte haben. Noch nie hat es eine Mannschaft geschafft, mit solch einer Bilanz die Klasse zu halten. Das muss uns Hoffnung machen, dass gerade wir es schaffen – das ist die Herausforderung“. Markus Gisdol dagegen setzte auf eine andere Lösung. Er versimpelte seine Idee vom Fußball und passte Sie somit der Qualität des Kaders an. In der 4-2-3-1 Grundformation seines Vorgängers wurde fortan das Spiel mit langen Bällen aus der eigenen Hälfte direkt in die Spitze eröffnet, dort wird versucht, den Ball abzulegen oder aber den zweiten Ball zu erobern. Durch dieses unorthodoxe Gegenpressing soll der Gegner gezwungen werden seine Ordnung zu verlassen, damit eigene, hektische Umschaltaktionen gestartet werden können.

Und dieser Schachzug gelingt. Bis zur Winterpause wird nur noch ein Spiel verloren, mit 3 Siegen und 2 Remis klettert Gisdol zumindest auf den beliebten Relegationsplatz. Auch zum Rückrundenstart hält Gisdol an seiner Taktik fest, in einem grausamen Spiel verliert man 1:3 in Ingolstadt, fährt aber anschließend inkl. Achtelfinale im DFB-Pokal gegen den 1.FC Köln 3 Siege in Serie ein und schöpft nach dem 3:0 in Leipzig tatsächlich Hoffnung, das Unmögliche schaffen zu können, als man erstmalig die Abstiegsränge verlässt.

Dies änderte sich auch nach der nächsten 0:8 Erniedrigung an der Isar nicht, da hohe und peinliche HSV-Niederlagen in München inzwischen schon Routine waren. Schließlich hatte auch Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen im Vorfeld des Spiels die Zeit der Klatschen offiziell für beendet erklärt. So wurde aus voller Überzeugung der Vertrag mit Gisdol bereits im März bis 2019 verlängert, ohne dass man wusste in welcher Liga man dann spielen würde. Laut Sportchef Jens Todt war man fest entschlossen, den eingeschlagenen Weg in den nächsten Jahren gemeinsam fortzusetzen.

Am 20.05.2017 kam es dann in der Arena zu Hamburg zum Endspiel um den Relegationsplatz zwischen dem HSV und dem VfL Wolfsburg. Die Ausgangslage war klar, nur ein Sieg würde Gisdol und den Dino direkt in der Liga halten. Bereits nach 23. Minuten erhielt dieser Traum einen Dämpfer, Robin Knoche traf zum 0:1 aus Hamburger Sicht. 9 Minuten später glich Filip Kostic aus. Das 1:1 hatte auch noch in der 88.Minute Bestand, als Gisdol seinen letzten Joker zog und den bis dahin torlosen Gian-Luca Waldschmidt einwechselte. Ganze 113 Sekunden später traf dieser zum 2:1, der Rest war Jubel. Der Hamburger SV bliebt der einzige Verein, der noch nie abgestiegen war.

6 mal Deutscher Meister, 3 mal Pokalsieger, immer erste Liga, Ha-Es-Vau.

In der neuen Saison fliegt der HSV zwar mit Gisdol in der 1. Hauptrunde wie schon 2009 gegen den Drittligisten VfL Osnabrück, nach 70.Minütiger Überzahl, mit 1:3 aus dem DFB-Pokal aus, das aber interessiert nach den beiden Auftaktsiegen in der Liga praktisch keinen mehr. Schließlich ist Gisdol nach dem 3:1 Auswärtssieg beim Europapokal-Teilnehmer 1. FC Köln am Freitag, den 25.08.2017, für einige Stunden sogar Tabellenführer. „Wir wollen uns fußballerisch weiterentwickeln und taktisch variabler sein“, so das Credo. Auf das bekannte Pressingsystem aufbauend, soll ein ruhigeres Spiel mit deutlich mehr Ballzirkulation entwickelt und die spielerischen Elemente erhöht werden. Dass mit Nicolai Müller der wichtigste Offensivspieler hierfür nach Kreuzbandriss fehlen wird, man in der Innenverteidigung mit Jung, Papadopoulos und Mavraj für spielerische Lösungen eher unterdurchschnittlich besetzt ist, hält Gisdol nicht davon ab, es zu versuchen.

In einer liebgewonnenen Region der Tabelle, Platz 17 bei 15 Punkten, beendet Gisdol die Hinrunde, ohne erkennbaren Fortschritt bei der Entwicklung seiner Spielidee. Selbst nach einer weiteren Niederlage am 18. Spieltag in Augsburg spricht Heribert Bruchhagen dem Trainer das "uneingeschränkte Vertrauen" des Clubs aus. Eine Woche später, nach dem 0:2 gegen das bis dahin abgeschlagene Schlusslicht 1. FC Köln, ist Gisdol uneingeschränkt entlassen. Am 21.01.2018 muss Bruchhagen eingestehen: "Vorzeitige Trennungen von Trainern sind grundsätzlich nicht gewollt, aber wir glauben, dass neue Impulse zwingend notwendig sind, um das nach wie vor angestrebte Ziel Klassenerhalt zu erreichen". Gisdol selbst verabschiedete sich mit den Worten: „Ich hätte gerne weitergemacht, aber ich muss das akzeptieren. Ich habe sehr gern für den HSV, mit dem Team und mit den Menschen im Verein gearbeitet. Es war eine sehr intensive Zeit". Motivierend fügte hinzu: "Die Mannschaft kann es auch diese Saison wieder schaffen. Davon bin ich total überzeugt." Bis zum Vertragsende am 30.06.2019 stehen Gisdol noch Gehaltszahlungen in Höhe von knapp 1,7 Millionen Euro zu.

 

Gisdols Liga-Bilanz:

16 Siege, 10 Remis, 26 Niederlagen / Punkteschnitt 1,12

 

Der Richtige

Am Montag, den 22.01.2018, leitet Bernd Hollerbach sein erstes Training als neuer Hoffnungsträger beim HSV. Hollerbach steht für harte, ehrliche Arbeit. "Wir erhoffen uns, dass er die Verunsicherung lösen kann, unter der die Mannschaft litt", so HSV-Boss Heribert Bruchhagen. Sein Mentor Felix Magath ist fest davon überzeugt, dass Hollerbach das Ruder rumreißen wird: "Aufgrund seiner Erfahrung als Profi und als Trainer halte ich ihn für genau den Richtigen, um den HSV da unten rauszuführen. Ich gehe sogar davon aus, dass der HSV mit dem Abstiegskampf nichts mehr zu tun haben wird." Dass Hollerbach die letzten 17 Spiele vor seiner Freistellung bei den Würzburger Kickern sieglos bliebt, schreckte niemanden der Verantwortlichen ab, er erhält einen Vertrag bis 2019, der auch für die zweite Liga gültig ist.

Beim Debüt Hollerbachs erkämpft der HSV sich ein 1:1 bei den Bullen in Leipzig. Der gelernte Metzger lässt keinen Zweifel, welchen Fußball er in den kommenden Wochen spielen lassen will. Mit einem defensiven 5-3-2 sollen die nötigen Punkten ermauert werden. Doch der Erfolg ist eher mäßig. Bis zum Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 am 25. Spieltag, kommt in 4 Spielen nur ein magerer Punkt hinzu, der Rückstand auf den Relegationsplatz, zu eben jenen Mainzern, beträgt zu diesem Zeitpunkt bereits 7 Punkte.

Die letzte Chance vor der Brust, versucht Hollerbach alles. Umstellung auf ein 4-2-3-1, Schipplock statt Hahn in der Startelf, erstmals hieß die Marschroute Attacke. Engagiert ging man die Partie an, erspielte sich ein deutliches Chancenplus, einzig der erlösende Treffer wollte nicht fallen. Doch in der 61. Minute sollte es soweit sein, Foul an Waldschmidt, Gelb-Rot für Balogun, Elfmeter für den HSV. Das Stadion macht sich bereit zum Jubeln, Kostic läuft an … und scheitert mit seiner Rückgabe an der Nr. 3 im Mainzer Kasten, Florian Müller. Es war der letzte Hamburger Torschuss in dieser Partie.

Abpfiff. 0:0. Stille.

So dämmerte es auch dem letzten Daueroptimisten, wie Recht Felix Magath hatte: Mit Bernd Hollerbach wird der HSV tatsächlich keine Rolle mehr im Rennen um den Klassenerhalt spielen. Er durfte zwar noch den traditionell lustigen 0:6 Betriebsausflug in der Allianz-Arena leiten, wurde aber 2 Tage später telefonisch von seiner Freistellung in Kenntnis gesetzt. Hollerbach nahm es gefasst auf: "Ich habe aus alter Verbundenheit zugesagt, dem Verein in einer schwierigen Lage zu helfen. Rückblickend war das für mich – wenn man es rational betrachtet – vielleicht nicht die beste Entscheidung. Emotional würde ich es aber immer wieder so machen“. Sein Gehalt wird bis Mitte 2019 weiterhin pünktlich überwiesen und dürfte sich in Summe auf knapp 750.000 Euro belaufen.

 

Hollerbachs Liga-Bilanz:

0 Siege, 3 Remis, 4 Niederlagen / Punkteschnitt 0,43

 

Der Amateur

Schon in der Winterpause, als über eine vorzeitige Ablösung von Markus Gisdol diskutiert wurde, hatte Bernhard Peters („Mich beeindruckt seine absolute Leidenschaft für das Spiel. Er ist mit großer Akribie unterwegs“) den U21-Trainer Christian Titz als Ersatz ins Spiel gebracht. Titz sprach bei Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen vor, analysierte die Schwächen im Hamburger Spiel und zeigte auf, wie er es besser machen würde. Bruchhagen, offenbar nicht überzeugt davon, hielt jedoch lieber an Gisdol fest, um kurz darauf Bernd Hollerbach zu installieren. Am 12.03.2018, Bruchhagen war inzwischen freigestellt, übernimmt Titz das Zepter der ersten Mannschaft beim HSV. Titz, nie zuvor Trainer einer Profi-Mannschaft, gilt als Verfechter des Ballbesitzfußballs. "Wenn ich den Ball habe, kann ich das Spiel kontrollieren, sonst hat der Gegner die Entscheidungsgewalt. Wir wollen die Aktionen bestimmen". Seine Idee: Breit stehende Innenverteidiger, dazwischen ein Torwart als erster Aufbauspieler, eine falsche Eins wenn man so will. Läuft der Gegner hoch an, rückt wahlweise ein Achter oder einer der Außenverteidiger ein, um dem Risiko einer entblößten Abwehr zu entgegnen. Eine Taktik, die im tiefen Sumpf des Abstiegskampfes exakt eines war: mutig. Schon im ersten Spiel gegen Hertha BSC gab es die Veränderungen in Aufstellung und Taktik zu bestaunen. Und für viele überraschend – es funktionierte! (Zumindest eine Halbzeit lang.)

Aber trotz der 1:2 Niederlage: Irgendetwas war passiert an diesem Samstag in der Sonne von Hamburg. Nicht nur Lewis Holtby stellte nach dem Spiel fest: "Wir spielen seit vier Jahren endlich das erste Mal Fußball".

Titz hielt auch in den kommenden Partien an seinem System fest und hatte Erfolg damit. Der HSV gewann Spiele, erzielte Tore, euphorisierte die Fans neu und sogar ein kleines Fünkchen Hoffnung auf das Wunder 4.0 stellte sich wieder ein. Nur einmal weicht Titz von seinem eingeschlagenen Weg ab. Im Spiel bei Eintracht Frankfurt am 33. Spieltag greift er zu einem 4-2-3-1 mit Doppeltsechs. Der HSV verliert vorentscheidend 0:3 und kann aus eigener Kraft den Klassenerhalt nicht mehr realisieren.

Am 16.05.2018 bestätigt der Verein offiziell die Vertragsverlängerung mit Titz bis zum 30.06.2020. "Christian Titz hat in den vergangenen Wochen und Monaten mit seiner inhaltlich geprägten Arbeit bewiesen, dass er der richtige Mann für unsere sportliche Neuausrichtung ist".

 

Titz‘ Liga-Bilanz:

4 Siege, 1 Remis, 3 Niederlagen / Punkteschnitt 1,63

 

Der Abstieg

Es war kurz vor 17 Uhr als in der Volkswagenarena das 3:1 für den VfL Wolfsburg fiel. Robin Knoche hatte einen Freistoß von Brekalo im Kölner-Kasten unterbracht.

Sekunden darauf war die Botschaft in Hamburg angekommen. Erst sang nur die Nordtribüne, wenig später das ganze Stadion. „Mein Hamburg lieb ich sehr. Sind die Zeiten auch oft schwer. Weiß ich doch, hier gehör ich her.“

 

Am 12.05.2018 steigt der Hamburger SV als Tabellensiebzehnter als letztes Gründungsmitglied erstmalig aus der Fußball-Bundesliga ab.

 

Zurück in die Zukunft

Mit dem Nordderby HSV - Holstein Kiel wird am Freitag, den 03.08.2018, die 45. Spielzeit der 2. Bundesliga eröffnet. Für alle die es mit dem HSV halten eine Ersterfahrung.

 

Gelingt der direkte Wiederaufstieg? Ist der Kader gut genug für diese Aufgabe?

Und vor allem: Ist Christian Titz der richtige Trainer?

 

Eine seriöse Antwort fällt schwer. Manch einer mag sich an den Abstieg 2016 von Hannover 96 erinnert fühlen. Der Club war praktisch abgestiegen, als U19-Coach Daniel Stendel die Verantwortung bekam. Er stabilisierte die Mannschaft, ließ plötzlich wieder Fußball spielen, stieg ab und wurde Cheftrainer. Am 20.03.2017 wird Stendel auf Platz 4 mit einem Punkteschnitt von 1,84 entlassen. Christian Titz hat unbestritten großen Anteil an der spürbaren Aufbruchsstimmung. Erstmals seit Jahren gibt es Hoffnung, dass der Begriff "Neuaufbau" nicht nur eine Phrase ist.

Sympathisch, klare Spielidee, akribische Arbeiter, Nachwuchs affin.

Großverdiener verzichten auf viel Geld, ja sogar der zum Jahrhundert-Talent ernannte Fiete Arp bleibt auch oder gerade wegen „Messias“ Titz.

 

Ist er der Zauberer den Franz Beckenbauer einst empfohlen hatte?

Schau'n mer mal ...

 

von Kill Bill

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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