Marcus Scholz

24. Juni 2020

Jonas Boldt ist eloquent. Und er weiß das auch. Er demonstriert das auch gern – so, wie heute. Da stand der Sportvorstand des HSV auf eigene Initiative hin vor laufenden Kameras und beantwortete Fragen. Fragen nach den letzten, enttäuschenden Spielen des HSV, nach einer noch immer möglichen Relegation – und natürlich auch nach der Zukunft von Trainer Dieter Hecking. „Boldt sagt JA zu Hecking“ titelt die BILD heute nach der Medienrunde. Und man konnte die Worte Boldts heute sicher auch so deuten. Fakt aber ist, dass Bildt sich eben genau auf diese Frage eine klare Antwort aussparte. Eloquent, wie er ist: „Die Entscheidung wird nach der Saison fallen. Für uns ist das selbstverständlich, dass wir uns sagen, was wir uns sagen wollen. Deshalb arbeiten wir so gut zusammen. Was man will, ist klar. Das ist uns allen klar. Ich kann es mir sehr gut vorstellen“, so Boldt, der dabei nicht einmal den Namen „Hecking“ oder „Trainer“ nannte.

Und nur um das klarzustellen: Ich glaube tatsächlich, dass Boldt grundsätzlich gern weiter mit Hecking arbeiten würde. Die beiden schätzen sich. Sehr sogar. Aber Boldt ist auch Profi genug, um zu wissen, dass ein verpasster Aufstieg schnell Stimmungen und Kollateralschäden nach sich ziehen wird, die letztlich auch in die Analyse und vor allem in die Entscheidung mit einfließen werden. Inwieweit er und Hecking strategisch auf einer Wellenlänge sind? Boldt: „Das sind doch genau die Punkte, dafür brauchen wir die Grundlagen. Es ist nicht sinnvoll, hier über Details zu sprechen, bevor wir das letzte Spiel gespielt haben.“ Ihr seht: Es gab kein klares JA zu Hecking – aber den ausgesprochenen Gedanken, sich eine Fortsetzung der Zusammenarbeit gut vorstellen zu können. „Um auf den Punkt zu kommen: Die Trainerfrage wird eine der ersten Entscheidungen sein, die wir treffen werden nach der Saison.“

Boldt schiebt Personalentscheidungen auf

Viel gesprochen – wenig verraten. Das ist ein Boldt-Motto. Und das beherrscht der HSV-Sportvorstand. Auch heute gingen viele aus der Runde und fühlten sich bzw. ihre Fragen gut beantwortet. Wirklich klar war allerdings nichts. Auch bei den Fragen nach Spielern wurde es nicht wirklich konkreter. Bislang sei noch kein Spieler auf ihn zugekommen, weil er den Verein verlassen wollte, so Boldt, der offen ließ: „Wir haben alle miteinander vereinbart, wir können uns Grundsätzlich können wir uns mit jedem Spieler eine Zukunft vorstellen. Die Frage ist, ob das auch auf die Spieler zutrifft, die wenig spielen. Aber diese Gespräche werden wir nach der Saison tätigen.“

Soll heißen: Heute ist nicht der Tag, Fragen zu beantworten. Das wird sich nach der Saison ergeben. Zunächst einmal hinter verschlossenen Türen – was ich noch einmal ausdrücklich loben möchte. Die Tatsache, dass tatsächlich viele Themen erst beschlossen und dann bekannt wurden, spricht für die Integrität dieser HSV-Führung. Allerdings dürfen wir hier auch nicht zu populistisch loben, nur, weil es moralisch gut ist. Denn klar ist: Wenn man mit etwas weniger Integrität mehr sportlichen Erfolg erwirken könnte, die meisten würden es bevorzugen.

 

Wobei Integrität auch für den letzten Spieltag noch einmal ein großes Thema wird. Immerhin trifft mit Arminia Bielefeld eine Mannschaft auf den HSV-Konkurrenten FC Heidenheim, die schon länger als Meister feststeht, und bei der ein großer Teil der normalen, notwendigen Anspannung schlichtweg nicht mehr vorhanden ist. Dennoch erhoffen sich beim HSV alle das Gegenteil. Auch Boldt reagierte heute eher pikiert darüber, dass man überhaupt den Gedanken haben könne, Bielefeld würde nicht mehr alles geben.

Dabei muss man kein Prophet sein, nicht studiert haben und auch selbst nie Fußballprofi gewesen sein, um zu wissen, dass das Spiel am Sonntag eines ganz sicher nicht wird: normal.

Ich weiß nicht, wie es Euch heute und in den letzten Tagen ergangen ist, aber ich werde andauernd auf die möglichen Saisonausgänge angesprochen. Und ein Grundgedanke dabei ist immer: Will Bielefeld dem HSV überhaupt helfen? Dass der Profifußball mehr Business als sportlicher Wettbewerb ist, ist in den letzten Monaten mehr als deutlich geworden. Und dass der HSV für Bielefeld in der Ersten Liga der vermeintlich stärkere Konkurrent als Heidenheim wäre – auch klar. Heute kam zu dieser Diskussion die Summe von zwei Millionen Euro ins Spiel. Die würde Arminia Bielefeld mehr an TV-Gelder zur neuen Saison einnehmen, wenn anstelle des HSV der FC Heidenheim Dritter wird.

 

Eine wahrhaftig relevante Geldsumme für die Bielefelder, die zur neuen Saison ihren Kader erheblich verstärken müssen, um ein wettbewerbstauglicher Erstligist zu werden. Da liegt der Gedanke nahe, dass man schon aus Eigeninteresse die Motivation bei seiner Mannschaft nicht zu hoch fahren will. Und scheißegal wie viele böse Nachrichten ich jetzt bekomme: Im Profifußball ist dieser Gedanke wirklich alles andere als abwegig.  Man darf ihn zwar nicht laut aussprechen, geschweige denn die Behauptung aufstellen – aber hinter vorgehaltener Hand vermuten das selbst die, die es öffentlich am vehementesten abstreiten.

Verdient hat der HSV diese Hilfe ehrlich gesagt auch nicht. Dieser HSV hatte mehr als genug Chancen, sich sein Glück selbst zu erarbeiten. Es ist aber ein wahrlich schmaler Grat zwischen einer vermuteten Wettbewerbs-Ungleichheit am letzten Spieltag und dem, was man menschlich zugestehen muss. Oder würdet ihr garantieren können, dass ihr nach einer so langen und intensiven Saison wie sie für die Bielefelder war, jetzt noch jeden Tag so arbeiten würdet, als stünde morgen ein Finale an? Nein, das können nur die allerwenigsten, behaupte ich. Allein darauf zu hoffen bleibt selbstverständlich erlaubt.

Nur an der Defensivleistung wird klare Kritik laut

Ansonsten war der Termin mit Boldt heute eher wenigsagend. Es war ein Termin, um die Öffentlichkeit bei Laune zu halten. Dabei ging es vor allem darum, die entscheidenden Fragen geschickt zu umschiffen. Am besten, ohne dass es die Fragenden wirklich merken. Und das beherrscht Boldt. Wie gesagt: Er ist eloquent. Allerdings weiß auch Boldt, dass er von dem Moment an, wo die letzte Spielminute der Saison gespielt ist, in Hamburg unter Druck steht. Denn unabhängig davon, in welcher Liga der HSV letztlich 2020/21 spielen wird – der Kader des HSV muss sich radikal verändern.

Dieter Hecking hatte schon zum Ausdruck gebracht, dass er mit den Defensivleistungen seiner Spieler in den letzten Wochen und Monaten alles andere als zufrieden war. Und auch Boldt gestand heute ein, dass der HSV qualitativ Probleme hat. „Eine gewisse Qualität fehlt. Sonst würden wir nicht da stehen, wo wir stehen. Wir schießen Tore – wir müssen einfach gucken, dass wir weniger Gegentore bekommen.“ Immerhin. Wie weit der HSV hier in seinen Planungen sei? Die Frage wurde gestellt – und geschickt umschifft: „Wir machen unsere Hausaufgaben, führen viele Gespräche mit Beratern und gucken viele Spiele. Wir haben unsere Gedanken schon vorher gehabt.“ Welche? Verrät Boldt selbstverständlich nicht. Zumal auch hier noch einiges offen ist: „Es kommt ja noch eine Schwierigkeit dazu: Welche Möglichkeiten man hat und was Corona für den Transfermarkt bedeutet. Ich glaube, das kann Stand heute noch gar keiner richtig beantworten.“

Was bleibt hängen von der Medienrunde? Dass Boldt die gute Zusammenarbeit mit Hecking lobte, klar. Daher auch die BILD-Schlagzeile. Und, dass Boldt bis zur letzten Sekunde darauf hofft, dass der HSV doch noch die Relegation und letztlich den Aufstieg realisieren kann. Und in diesem Punkt, das kann ich trotz aller geäußerten Befürchtungen sagen, stimme ich Boldt zu 100 Prozent zu.

 

In diesem Sinne, verbal können weder Hecking noch Boldt in diesem Moment irgendwas anderes machen, als die Leute bei Laune halten. Und das haben beide mit ihren Medienrunden geschafft. Bleibt nur noch das Sportliche. Und das steht am Sonntag auf dem Plan. Hier in Hamburg gegen Sandhausen – mit einem hoffnungsvollen (aber nicht zu erwartungsfrohen) Blick nach Bielefeld. Nur eines, das muss jetzt schon festgehalten und klar gesagt werden: Selbst wenn der HSV am Ende aufsteigt, darf niemand vergessen, dass der Weg dahin eben nicht gut war. Abgesehen vielleicht von den Medienrunden aus HSV-Sicht…

 

Bis morgen.

Scholle

 

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