Marcus Scholz

13. August 2019

Natürlich werden sie gefragt. Immer wieder. Sie wurden in den letzten Tagen von nahezu allen Medien beim HSV als Interviewpartner angefragt - und um nicht 100 Einzelinterviews zu geben, wird ein Sammelinterview gemacht. Morgen Lukas Hinterseer, heute war es Jan Gyamerah. Die beiden Bochumer sollen erzählen, wie es für sie ist, gegen ihren Ex-Klub zu spielen, was ich grundsätzlich nicht allzu spannend finde. Dabei kommen fast immer dieselben Statements heraus. Vielmehr interessiert mich, was die beiden als Bochum-Spieler über den HSV gedacht haben und wie sie die beiden Spiele in der abgelaufenen Saison gegen den HSV erlebt haben. Und letzteres beantwortete Gyamerah heute (erst morgen ist Hinterseer dran). Gyamerah: „Ich kann sagen, dass man als gegnerische Mannschaft vor dem Spiel hier in Hamburg total brennt. Als wir damals hier angekommen und ins Stadion gegangen sind und uns auf dem Platz umgeschaut haben, dachten wir alle: ‚mega!‘. Wir wollten den HSV damals unbedingt ärgern und haben das mit einem Unentschieden geschafft. Genau das werden die am Freitag hier auch versuchen. Die wollen uns ärgern.“

Zwei Spiele hat der VfL Bochum in der Liga gespielt und beide nicht gewonnen.Einem 1:3 gegen Regensburg folgte gegen Bielefeld zuhause nur ein 3:3t. Im DFB-Pokal ist man gegen Baunatal zwar gerade mit 3:2 eine Runde weitergekommen. Aber auch hier hat man wieder zwei Gegentreffer kassiert. „Dass sie nicht gut gestartet sind, macht sie gefährlich. Sie haben sehr viel mehr Potenzial“, warnt Gyamerah und führt aus: „Das wird so sein, wie letzte Saison: Sie wollen es gerade hier allen zeigen. Ich gehe davon aus, dass sie sogar mitspielen werden. Normal versuchen sie das.“

Zu hoffen wäre es auf jeden Fall. Denn was passiert, wenn sich eine Mannschaft tief in der eigenen Hälfte verschanzt und dann auch noch gut verteidigt, haben wir zuletzt in Chemnitz gesehen. Das liegt dem HSV nicht - und das wiederum liegt auch daran, dass der HSV seine Angriffe über die Außen noch nicht so zu Ende bringt, wie es sich Trainer Dieter Hecking erhofft hatte. Gyamerah selbst sieht es als Verantwortlicher Rechtsverteidiger genauso: „Defensiv mein Kopfballspiel, offensiv meine Flanken - das muss noch deutlich besser werden. Ich kann mich nach vorn noch verbessern. Ich freue mich darauf, hier bald ein besserer Spieler zu werden.“

Gyamerah will in Hamburg ein besserer Fußballer werden 

Gyamerah zählt zu der Sorte Spieler, die tagtäglich besser werden will. Er arbeitet hart, er lebt diszipliniert und hat den Traum vom großen Fußball nocht nicht aufgegeben. Im Gegenteil: Er treibt ihn an. „Er hat so viel Potenzial. Ich glaube, er weiß noch gar nicht, wie gut er wirklich werden kann“, hatte Hecking zuletzt gelobt. Worte, die den Rechtsverteidiger beflügeln sollen. Denn nachdem Gyamerahs Leistungen in der Vorbereitung durchwachsen waren, spielte er gegen Darmstadt eher schwach, dafür in Nürnberg wieder ansprechend. Konstanz bringt er allerdings noch nicht auf den Platz. Dennoch, für das Spiel gegen Bochum hat er sich viel vorgenommen. Am liebsten würde er gegen seine ehemaligen Kameraden („Ich habe noch viel Kontakt nach Bochum“) sogar ein Tor vorbereiten. Oder noch besser: Ein Tor selbst erzielen. Und das mit dem dazugehörigem Jubel feiern, wie der Rechtsverteidiger verrät. Er würde sogar ausgelassen jubeln, sagt er. „Ich halte nichts davon, die Freude über ein Tor zu unterdrücken.“ Zurecht, wie ich finde. Auch ich halte diesen oftmals unterdrückten „Respekt-Jubel“ für ebenso oft aufgesetzt.

 

Aber okay, bei Gyamerah reichen die Worte, die er über seinen Ex-Klub verliert, um zu erkennen, dass er großen Respekt vor dem VfL hat und für die Zeit bei den Bochumern dankbar ist. Lange Zeit hatte ich hier sogar das Gefühl, dass sich Gyamerah noch nicht so recht eingelebt hat und etwas Heimweh hat. Inzwischen aber scheint er sich sehr wohl zu fühlen. „Absolut“, sagte der 24-Jährige. Er sei von seinem Wechsel weiterhin total überzeugt. „Zum einen bin ich von der Mannschaft komplett überzeugt. Wir haben eine richtig gute Qualität. Zudem ist die Stadt mega, die Fans und Stadion sind brutal“, so Gyamerah, der in diesen Tagen nicht nur uns Journalisten Rede und Antwort stehen muss, sondern sich als so genannter „Insider“ auch den bohrenden Fragen des Trainerteams stellt. „Mit den Videoanalysten habe ich schon gesprochen. Ein paar Tipps kann ich schon geben“, sagt Gyamerah, der davon ausgeht, in den nächsten Tagen auch noch von Trainer Hecking angesprochen zu werden.

Kopfballspiel und Flanken müssen besser werden - das Lachen bleibt

Wenn er helfen könne, mache er das. Auf und neben dem Platz, sagt Gyamerah. Auch im Fall Bakery Jatta hat der Ex-Bochumer eine klare Haltung. „Die Reaktionen von Mannschaft, Fans und Verein waren überragend, da stehe ich total hinter“, so Gyamerah, dem man irgendwie kein Thema aufbürden kann, das ihm sein Lächeln wegzaubert. „Ich bin ein positiver Typ, lache gern und viel“, hatte „Jambo“ schon in seinem ersten Podcastinterview hier bei uns gesagt, als sein Wechsel feststand. Und Trainer Dieter Hecking gefällt das - aber nicht nur. Er hat diese Art auch als etwas „jugendlich“ ausgemacht und hofft, dass Gyamerah in der einen oder anderen Situation dann doch etwas ernster wird.

Wobei ich ehrlich sagen muss, dass mir diese positive Art von Gyamerah gefällt. Vor allem, wenn sie mit ernst zu nehmen guten Leistungen untermauert wird. Und das hat Gyamerah vor. Nicht nur an diesem Freitag. „Der HSV ist für mich die Chance, mich auf hohem Niveau zu beweisen und weiterzuentwickeln“, sagt Gyamerah und untermauert damit, dass er einer der Spielertypen ist, die der HSV brauchte, um endlich eine zweitligatauglichere Mannschaft aufzustellen. Was ich meine? Ganz einfach: Gyamerah hat viel Potenzial, er hat das auch schon andeuten können, aber eben noch nicht auf längere Strecke nachgewiesen. Das will er jetzt hier in Hamburg beweisen, das treibt ihn täglich an. Er steht beim HSV auf dem Platz, um sich selbst zu verbessern und dem HSV damit zum Zweitligaaufsteig zu verhelfen. Seine einfache Rechnung: Wird er besser, wird der HSV besser - und andersrum. Er sieht seinen Zweitligaaufenthalt auch nicht als Unfall an sondern weiß, dass er höchstselbst in der Bringschuld ist. Das galt in der vergangenen Saison für den einen oder anderen Spieler beim HSV nicht.

Gyamerah ist einer der Typen, die der HSV dringend brauchte

Dieses Jahr aber hat der HSV davon gleich mehrere Spieler dazugeholt. Ein weiterer Spieler dieser Kategorie ist David Kinsombi. Der Zugang aus Kiel wirkt wie ein Routinier und ist doch gerade einmal 23 Jahre jung. In den Interviews wirkt er souverän wie sonst nur Trainer Hecking, in der Kabine ist er längst von allen Mitspielern als Leader akzeptiert, und auf dem Platz deutete er zuletzt sein Potenzial an, diese Mannschaft sogar zu führen. Dass er nach der knapp halbjährigen Zwangspause sowie dem verletzungsbedingten Ausfall in der Vorbereitung noch nicht bei 100 Prozent ist, ist logisch. Dennoch spricht das Vertrauen von Hecking, ihn zweimal einzuwechseln und im Pokal von Beginn an spielen zu lassen, für ihn.

Auch gegen Bochum dürfte Kinsombi wieder von Beginn an spielen. Als offensiverer Part neben Jeremy Dudziak und vor Adrian Fein soll der Rechtsfuß Aaron Hunts Ausfall vergessen machen. Eine Rolle, die viele Sonny Kittel zugedacht hatten - auch ich. Aber Hecking hat sich dafür entschieden, nicht aus taktischen Gründen auf einen der beiden Spieler zu verzichten und setzt weiter auf Kittel über die linke Außenbahn.

 

Heute durften die beiden übrigens pausieren bzw. das Training früher beenden. Belastungssteuerung! Und während die Verletzten Aaron Hunt, Ewerton und Timo Letschert weiter ausfallen, waren Gyamerah, Kittel, van Drongelen, Mickel und Heuer-Fernandes ebenfalls nicht im Training. Zudem durften Jung, Kinsombi, Jatta, Hinterseer und Fein früher in die Kabine. „Diese Woche wird durchtrainiert, aber in Sachen Belastung werden die Jungs natürlich ein wenig anders dosiert als sonst“, so Hecking, der für morgen wieder eine Nachmittagseinheit angesetzt hat. Um 15.30 Uhr geht es dann wieder auf den Platz.

Ich werde mich natürlich wie immer schon am Morgen wieder früh um 7.30 Uhr bei Euch melden - und dann das Thema Jatta leider nicht so aussparen können, wie in dem heutigen Blog. Denn im MorningCall werde ich Euch natürlich wieder über alles in Kenntnis setzen, was über den HSV gesagt und geschrieben wird. Und da wird das Thema Jatta vorkommen - leider. Gar nicht leider: Am Nachmittag treffen wir dann Lukas Hinterseer und werden von ihm erfahren, was den HSV am Freitag erwartet.

Bis dahin!

Scholle

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.