Marcus Scholz

31. März 2018

Einen Punkt in Stuttgart geholt - okay. Das ist an sich nicht schlecht, beachtet man die Serie der Schwaben, die in den letzten acht Spielen ungeschlagen sind und daraus 18 Punkte geholt haben. Zum Vergleich: Der HSV hat insgesamt 19 Punkte aus nunmehr 28 Spielen, davon sechs an den ersten beiden Spieltagen... Nein, es war auch angesichts der Aufstellung nicht zwingend von einem Sieg auszugehen. Immerhin brachte Christian Titz heute mit Mohamed Gouaida und Stephan Ambrosius zwei weitere U21-Spieler von Beginn an brachte. Gouaida im zentralen Mittelfeld mit Holtby und Steinmann, Ambrosius hinten neben Gideon Jung in der Innenverteidigung. Und es funktionierte zunächst auch recht gut. Denn der HSV hatte mehr vom Spiel als die heute etwas schläfrig wirkenden Stuttgarter. „Sorry, aber schlechter als heute können selbst wir nicht“, schrieb mir ein guter Freund, der Stuttgart-Fan ist und im Stadion saß. Und damit meinte er, dass der HSV es versäumte, diese Schwäche auszunutzen und sich mit einem 1:1 begnügen muss, das so recht nicht hilft.

Man könnte diesen Blogbericht jetzt anfangen und in Konjunktiven durchformulieren. Hätte Sakai den Zweikampf nicht so einfach verloren, und hätte der bis dahin gute Ambrosius den Kopfball nicht dem Thommy direkt vor die Füße geköpft und Pollersbeck dessen Schuss festgehalten und nicht prallen lassen – es hätte ein Sieg werden können. Wurde es aber nicht. Leider nicht. Denn der HSV war in der zweiten Hälfte nicht mehr so aktiv wie in der ersten, hatte bis auf Schüsse von Sakai aus der Distanz sowie von Sakai aus acht Metern und spitzem Winkel keine echte Torchance mehr. Und das, weil das Zentrum mit Aaron Hunt als Taktgeber heute überhaupt nicht stattfand. Steinmann sortierte die Defensive gut, überzeigte mit sicherem Passspiel. Aber offensiv war das heute wieder zu wenig.

Obwohl es gut begonnen hatte und der HSV in Führung gegangen war. Lewis Holtby war es, der in der 18.Minute die Führung herstellte. Douglas Santos hatte zuvor dem Stuttgarter Pavard den Ball an dessen Sechzehner abgenommen und direkt auf Waldschmidt geleitet, der heute den Vorzug vor Fiete Arp erhalten hatte und sich in dieser Szene gut durchsetzte. Seinen scharfen Schuss konnte VfB-Keeper Zieler nur prallen lassen und Holtby drückt den Abpraller zum 1:0 ins Netz. Eine Führung mit der ersten richtigen Torraumszene.

Aber wie schon gegen Hertha sollte diese Führung nicht ausreichen. Nach einem Abseitstor des HSV (Ambrosius stand bei seinem Kopfball im Abseits, Waldschmidts Tor zählte zurecht nicht) musste der HSV den Ausgleich noch vor dem Halbzeitpfiff hinnehmen. Ginczek traf in der 44. Minute zum 1:1, nachdem sich Sakai von Insua zu einfach ausspielen lässt und Ambrosius dessen Flanke unglücklich direkt vor die Füße des Stuttgarters Thommy köpfte und Pollersbeck dessen Schuss nicht festhält und auch nicht konsequent wegfaustet. Ergebnis: Pollersbeck lässt den Ball prallen und Ginczek trifft aus halbrechter (aus VfB-Sicht) Position zum 1:1. Ein dummer, weil gleich mehrfach vermeidbarer Ausgleichstreffer.

Die zweite Halbzeit ist eigentlich in zwei kurzen Sätzen erklärt. Beim HSV ließen die Kräfte und die Konzentration nach und er kam zu keinen echten Torchancen mehr. Ebenso wie der VfB. Punkt. Leider nur einer und bei nur noch sechs verbleibenden Spielen schwindet die eh schon arg bemühte Hoffnung zunehmend, dass man hier noch das Wunder schafft, das mein Studiogast Andreas Fischer versuchte, zu skizzieren. Trotz einer seit Tagen anhaltenden Grippe hatte Fischer nicht gekniffen und sich heute in die Sendung gesetzt. Offenbar mit einer klaren Nachricht in petto. Und in der ihm ebenso eigenen wie mir ob der Authentizität sehr sympathischen Art versucht der ehemalige HSV-Mannschaftskapitän, noch mal alle zu animieren, nicht nur auf das Wunder zu hoffen, sondern dafür auch initiativ zu werden.

Fischer will sich einfach nicht mit dem Abstieg abfinden. Und diesen Kampfgeist, dieses Herzblut bewundere ich. Obwohl ich in den letzten Jahren eigentlich immer bis zum allerletzten Schuss an den Klassenerhalt geglaubt habe, habe ich aktuell kaum noch echte Hoffnung. Im Gegensatz zum Kämpfertypen Fischer. Nur ein Bruchteil von diesem Fischer’schen Herzblut bei den HSV-Verantwortlichen und -Spielern und der HSV stünde ganz sicher heute nicht da, wo er leider steht: Am Tabellenende.

Fazit: Der HSV hat auch heute in der ersten Hälfte wieder ein gutes Spiel gemacht und in der zweiten Halbzeit abgebaut. Ambrosius machte ein sehr gutes Spiel und wurde mit der Begründung herausgenommen, dass sich Titz von der Hereinnahme eines Linksfußes noch etwas versprochen hatte. Kann man machen – hätte ich aber tatsächlich nicht gemacht. Denn während die Abwehr (Ausnahme auch heute wieder Sakai) gut stand, bleibt das große HSV-Problem die weiterhin zu schwache Offensive. Hunt war heute ein Totalausfall, Tatsuya Ito bringt einfach keine Aktion zum Ende, Kostic ist über Außen nur halb so gut wie als zweite Spitze, die ich mir eh wünschen würde. Denn ein System mit einer Spitze funktioniert nur, wenn die Außen oder zumindest der Mann hinter der Spitze funktionieren – und das ist beim HSV leider schon lange nicht mehr der Fall.

Und während ich in der Sendung Andreas Fischer das letzte Wort überlassen habe, überlasse ich es hier im Blog dem Trainer, Christian Titz: „Wir sind natürlich enttäuscht, dass es am Ende nur zu einem 1:1 gereicht hat, weil wir in einer Situation sind, in der wir Punkte holen müssen. Aber gleichzeitig haben wir viele positive Ansätze gesehen. Die Mannschaft ist sehr mutig aufgetreten und hat gegen einen guten Gegner alles versucht. Die jungen Spieler haben dabei ihre Einsatzzeit gerechtfertigt. Ambrosius hat ein gutes Bundesliga-Debüt gezeigt, wir haben bei ihm taktisch gewechselt und wollten mit van Drongelen einen Linksfuß ins Spiel bringen. Matti Steinmann hat zum wiederholten Mal gezeigt, dass er auf diesem Niveau spielen kann.“

In diesem Sinne, bis morgen. Im Abspann findet Ihr noch die Spielstatistik.

Scholle

VfB Stuttgart: Zieler - Pavard, Kaminski (46. Akolo), Badstuber, Insua - Aogo (88. Mangala) - Ascacibar - Er. Thommy (77. Larsen), Gentner - Gomez, Ginczek

HSV: Pollersbeck - G. Sakai, Ambrosius (46. van Drongelen), Jung, Douglas Santos - Steinmann (73. Hahn) - Hunt, Gouaida (59. Ito), Holtby, Kostic - Waldschmidt

Tore: 0:1 Holtby (18.), 1:1 Ginczek (44.). Zuschauer: 58.000 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Dr. Felix Brych (München)

Gelbe Karten: Aogo (55.) / Jung (57.)

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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