Marcus Scholz

10. Juni 2020

Ich habe mir das ganze Spiel angetan. Dresden gegen Fürth. 90 Minuten. Genau genommen 94 Spielminuten, in denen mir weder Fürth noch Dresden wirklich imponierte. Wobei mein Augenmerk auch weniger auf die fußballerische Qualität des Spiels denn auf die individuellen Qualitäten der Dresdner gerichtet war. Und die sind – bei allem Respekt – zumindest nicht Angst einflößend.

Lediglich der Umstand, dass man nach der Halbzeitpause zulegen konnte, passt irgendwie nicht zu dem HSV von heute, da dieser bekanntermaßen mit zunehmender Spielzeit zunehmend wackelig wird, passte mir nicht so. Laut Trainer Markus Kauczinski soll das bei den Sachsen immer wieder so sein. Kann der HSV seine Zitterbeine stabilisieren und am Freitag in Dresden mal einen ungefährdeten Sieg einfahren?

Fußballerisch ist das drin. Denn ohne überheblich zu sein, kann man behaupten, dass der HSV qualitativ alle Mittel hat, um in Dresden zu gewinnen. Rechnet man die besten 11 (plus fünf Reservisten) Spieler einzeln in ihren Qualitäten zusammen, ist der HSV den Dresdnern deutlich überlegen. Fakt! Aber das war der HSV auch in Fürth, gegen Wiesbaden, zuletzt Kiel – und sogar im Heimspiel gegen Bielefeld. Und trotzdem reichte es erst zu einem Sieg bzw. gerade einmal sechs Punkten aus fünf Partien. Trainer Dieter Hecking sprach davon, dass die Enttäuschung spürbar und sogar greifbar wäre. Aber wie bekommt man dieses Kopfproblem gelöst? Wobei ich mich eher frage, ob es tatsächlich nur ein Kopfproblem ist. Meine Antwort: Nein. Dieser HSV ist in dieser Konstellation führungslos.

Warum ich das denke? Ganz einfach: Nehmen wir mal das Beispiel Adrian Fein. Der junge Bayern-Profi ist aktuell nicht in Form. Und das macht sich im Auftritt des HSV bemerkbar. Glücklicherweise hat zuletzt gegen Kiel Aaron Hunt neben ihm funktioniert und ihn gestützt. Allein das rettete das HSV-Spiel bis zu Hunts Auswechslung. In der Hinrunde, als der HSV in den ersten Spielen brillierte, war das ähnlich. Da hatte das ganz unmittelbar mit dem forschen, starken Auftreten von Fein zu tun, der auf dem Platz trotz seiner jungen Jahre sportlich die Führung übernahm. Er wollte jeden Ball haben und verteilte die Bälle umsichtig. Er haute dazwischen, wenn es defensiv mal nötig war,  er hatte Zweikampfwerte von mehr als 75% sowie eine Passquote von durchschnittlich mehr als 90 Prozent. Toppwerte, an die Fein derzeit nicht mehr rankommt. Im Zweikampf beispielsweise liegt Fein bei vergleichsweise mageren 50 Prozent. Zu wenig für einen Sechser. Und trotz der konstant hohen Passquote ist Fein nicht im Ansatz so effektiv wie noch in der Hinrunde. Weil seine Pässe immer seltener nach vorn gespielt Räume öffnen. Kurzum: Fein ist zögerlicher, verkrampfter kann man auch sagen. Er ist ein wenig sinnbildlich für das aktuelle HSV-Dilemma.

Adrian Feins Formkrise als Sinnbild

Und das ist noch nicht einmal so ungewöhnlich. Im Gegenteil: Feins Saison bislang war überdurchschnittlich gut. Er DARF sehr wohl schwächeln. Mehr noch: Das musste man sogar einkalkulieren. Und genau wie zuletzt gegen Holstein Kiel muss in diesen Momenten sein Kompagnon auf der Doppelsechs funktionieren. Wie Hunt gegen Kiel. Dann reicht es für diesen HSV noch immer, dominant aufzutreten. Besonders deutlich wurde das in dem Moment, als Hecking seinen Kapitän vom Platz nahm. Und: funktionieren Hunt UND Fein im selben Moment, kommen fußballerisch gute Spiele wie gegen Bielefeld zustande.

Ich will und werde hier aber ganz sicher nicht die Verunsicherung an einem Spieler festmachen. Schon gar nicht an Fein. Aber es sind eben diese „Feinheiten“, auf die es ankommt. Attackieren die Angreifer früh und gut, hat das Mittelfeld weniger Stress und die Abwehr oftmals nichts mehr zu tun. Da aber aktuell Pohjanpalo trifft und zurecht weiter auf dem Platz steht, fehlt das frühe Pressing zumeist. Wenn dann auch noch ein Bakery Jatta im Formtief steckt und Kittel gewohnt teilnahmslos in der Rückwärtsbewegung agiert, kommt viel Arbeit auf die seit langem nicht mehr funktionierende Doppelsechs und die Defensive zu. Gegen Kiel führte das tatsächlich zu 17 gegnerischen Torschüssen, während man selbst nur sechs hatte.

 

Wichtiger als diese Zahl ist allerdings, dass der HSV es einfach nicht mehr konstant hinbekommt, im Kollektiv zu funktionieren. Das heißt: Der eine Leader fehlt – die Kollektivität auch. Der einzige, der verbal versucht, Führung zu übernehmen, ist Rick van Drongelen. Aber im Gegensatz zu Fein hat der Niederländer seit Saisonbeginn Probleme, Souveräneität auf den Platz zu bringen. Sportlich sowieso – wobei sich das in der Rückrunde noch mal potenziert hat, als Hecking ihn als Stammspieler anzählte und sogar durch Außenverteidiger Jordan Beyer mit Reservisten-Dasein abstrafte. Und so unbeeindruckt sich van Drongelen davon auch zu geben versucht, nicht nur ihm sind die Zweifel anzumerken. Auch die Mitspieler sehen und spüren das. Mit anderen Worten: Der HSV ist führungslos. Die einzigen Konstanten sind auf den Außenverteidigerpositionen zu finden. Und mit Pohjanpalo im Sturm.

Der HSV ist führungslos - und wackelt im Kollektiv

Mit „Diese Mannschaft hat Charakter. Sie kommt über das Kollektiv“, hat Trainer Dieter Hecking zwar für eine Weile einen Ausweg gefunden, von dem Kernproblem dieser Mannschaft abzulenken. Er hat damit einige Wochen Zeit gewonnen, um einen anderen funktionalen Weg zu finden. Aber eine Lösung, wie sich diese Mannschaft auf dem Platz in den entscheidenden Phasen selbst Sicherheit gibt, hat er nicht. Herausgekommen ist vielmehr ein Last-Minute-Trauma, an dem alle verzweifeln. Und ich befürchte, das wird sich nicht ändern, bis der HSV endlich wieder souverän gewinnt. Eben weil es den einen Spieler, an dem sich alle hochziehen, nicht gibt.

Wobei sich diese Gelegenheit am Freitag durchaus bietet. Also der souveräne Sieg. Wenn sich der HSV darauf besinnt, was ihn stark gemacht hat in der Hinrunde. Fußballerische Qualität und Stabilität im Mittelfeldzentrum. Mit einem souveränen Aaron Hunt - und vor allem wieder mit einem selbstbewussten Adrian Fein auf der variablen Doppelsechs, um diese kleinen Momente zu verhindern, die den HSV immer wieder wackeln lassen. Es wird gegen Dynamo und in den letzten Wochen auf eben diese „Fein“heit ankommen. Behaupte ich.

 

In diesem Sinne, bis morgen. Anbei noch der Community-Talk, der sich inhaltlich auch mit zwei Themen beschäftigt, die Ihr aktuell sehr intensiv (aber vor allem außergewöhnlich sachlich!) im neuen Forum diskutiert. Wir beantworten Fragen nach einer möglichen Trainerdiskussion ebenso wie die nach potenziellen Zu- Abgängen für die neue Saison, falls der HSV aufsteigt. Aber seht selbst, meldet Euch an – und diskutiert mit! Wo? Genau hier geht es lang

Bis morgen!

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