Lars Pegelow

8. Juni 2019

Wenn so ein Zwei-Meter-Riese vor einem steht, dann denkt man vielleicht zuerst an Basketball. An die NBA, die nordamerikanische Profi-Liga, könnte man denken, in der in diesen Tagen die Finalserie zwischen dem Titelverteidiger aus Oakland/Kalifornien, den Golden State Warriors, und den Toronto Raptors ausgetragen wird. Wer zuerst vier Spiele für sich entscheidet, ist der Champion. Und siehe da: Im Moment führt der Außenseiter aus Kanada mit 3:1 und könnte eine Überraschung schaffen. Mehr Stars haben die Golden State Warriors im Team, aber die geschlossene Mannschaftsleistung spricht gerade für Toronto. Von HSV-Sportvorstand Jonas Boldt ist nicht bekannt, ob er früher den „orangefarbenen Freudenspender“ (O-Ton von Sport-Moderator Lou Richter) Richtung Ring befördert hat – doch das Motto der Toronto Raptors könnte in den kommenden Wochen und Monaten auch für den HSV gelten: auf das Team kommt es an.

Boldts Einstands-Interview am vergangenen Donnerstag hatte naturgemäß reichlich mit den einzelnen Personalien zu tun. Papadopoulos und Wood, Douglas Santos und Pollersbeck, Sakai und Fernandes. Wie groß ist der Kader? Wie klein muss er werden? Auf welche Werte legt das neue sportliche Führungsduo Boldt/Hecking wert? Wieviel Kohle ist überhaupt da? Faktisch klar ist im Moment eins: wir wissen fast gar nichts über die künftige Struktur, über mögliche Leistungsträger, über die Achse im Team oder die Chemie untereinander. Das ist völlig normal in der aktuellen Situation, in der auch das klärende Gespräch des neuen Trainers (Hecking) mit dem alten Mannschaftskapitän (Hunt) noch nicht stattgefunden hat. In der die Transferphase tatsächlich noch 86 Tage läuft. Jonas Boldt weiß das natürlich auch alles nicht konkret, selbst wenn er natürlich schon eine Vorstellung oder Wünsche bezüglich der einzelnen Mannschaftsteile und Personalien hat und vorantreibt. Eins weiß er allerdings ganz genau: es ist im Moment noch Vieles möglich, was aktuell kaum absehbar ist. In diesen Tagen wird plötzlich wieder darüber spekuliert, dass Douglas Santos beim HSV bleiben könnte, weil es zurzeit noch kein Angebot für den Brasilianer gibt. Natürlich kann und darf Boldt dem Spieler nicht die Tür zuschlagen. Kann ja sein, dass eine Verletzung dazwischen kommt, die auch im vergangenen Sommer beispielsweise den Transfer von Papadopoulos verhindert hat. Oder irgendein Spitzenverein beklagt seinerseits einen personellen Ausfall links hinten, und dann erinnert man sich Ende August an den flinken Linksfuß aus Hamburg.

Wirtschaftlich wäre es für den HSV allemal ratsam, Santos auf dem Markt zu wissen. Unter Ralf Becker sagten alle Verantwortlichen, offen und hinter vorgehaltener Hand, immer und ständig, dass die entsprechenden Transfereinnahmen für die kommende Saison bereits eingepreist seien. Hat sich an dieser Situation etwas verändert? Dafür gibt es angesichts des erwarteten Millionen-Minus keine Anzeichen. Viel mehr ist es wahrscheinlich, dass Boldt sein teuerstes Pferd im Stall nicht wie Sauerbier auf dem Markt anbieten möchte. Oder tun sich im Hintergrund seit der Boldt-Verpflichtung (z.B. durch Klaus-Michael Kühne) Geld-Quellen auf, die es unter Ralf Becker nicht geben sollte?

Jedenfalls können alle Einschätzungen Boldts zu einzelnen Personalien in der Mannschaft unter verschiedenen Aspekten gesehen werden. Vor allem müssen sie wohl unter diesem betrachtet werden: Boldt hält sich alles offen, weil er es muss. So verhält es sich neuerdings übrigens auch in Sachen Saisonziel für 2019/20. Wie überzogen der von Ex-Sportvorstand Ralf Becker und Vorstands-Boss Bernd Hoffmann formulierte Vorsatz, in einem Jahr auf jeden Fall aufsteigen zu wollen, war, das haben sie inzwischen vielleicht selbst verstanden. Oder galt diese Zielformulierung nur so lange, bis man einen entsprechenden ehrgeizigen Trainer gefunden hat? Und traute man sich erst dann, öffentlich ehrlich zu sein? Aus meiner Sicht ist es, Stand heute, alles andere als klar, dass der HSV ein Top-Anwärter auf den Aufstieg sein muss.

Dieter Hecking ist ein erfolgreicher Bundesliga-Trainer mit viel Erfahrung und viel Ruhe. Er gehört ganz sicher zu den Top-Trainern in der 2. Liga. Jonas Boldt wird von allen Seiten, auch von Kollegen und Konkurrenten im deutschen Profi-Fußball, als Top-Mann gelobt. Das sind hervorragende Start-Bedingungen, zumal beide wissen dürften, dass diejenigen Vereine auf Sicht erfolgreich sind, in denen es ein sportlich funktionierendes Führungs-Duo gibt. Die Chancen sind da, dass Hecking/Boldt solch ein Duo bilden können, eine Sicherheit kann aktuell aber niemand geben. Genauso wenig kann es eine Sicherheit geben, dass gedachte neue Achsenspieler auf Anhieb gleich ihrem Anspruch gerecht werden. Beispiel Lukas Hinterseeer. Der Angreifer mit nachgewiesener Erst- und Zweitliga-Treffsicherheit soll solch ein Achsenspieler werden. Er wurde geholt, weil sowohl Ralf Becker als auch Jonas Boldt ihm eine Führungsrolle zutrauen. Dass es in Hamburg funktioniert – das hat Hinterseer aber noch nicht nachweisen können. Der HSV kommt – insbesondere nach den vergangenen Schrott-Jahren, diese Einschätzung hören wir immer wieder – mit einer anderen Wucht daher als Hinterseers frühere Clubs Bochum oder Ingolstadt. Es wird auch andere neue Achsenspieler geben, zum Beispiel im Tor oder im zentralen Mittelfeld. Die Sechser-Position scheint nach dem Abgang von Orel Mangala völlig verwaist. Bakalorz oder Stendera – schön und gut. Aber in der Chance, alle Führungspositionen neu besetzen zu können, liegt auch eine Gefahr. Es kann gründlich schief gehen. Auch vor diesem Hintergrund tut der gesamte HSV gut daran, das Reduzieren seines Saisonziels  „Aufstiegs-Muss“ nicht nur halbherzig in Nebensätzen nach außen zu formulieren, sondern auch intern zu leben. Niemand – auch kein Vorstands-Vorsitzender – tut der neuen HSV-Mannschaft einen Gefallen, wenn er jetzt schon das höchstmögliche Saisonziel proklamiert. Ein realistisches Ziel zu benennen, muss ja nicht heißen, sich mit Mittelmaß zufrieden zu geben. Dafür wird Dieter Hecking schon sorgen.

Es wird ganz extrem darauf ankommen, dass schon in den ersten Wochen nach dem Trainingsstart am 17. Juni ein Team-Geist zustande kommt. Wenn der Kader bis dahin ähnlich groß bleiben wird wie jetzt, dann ist ein großer Konkurrenz-Kampf ausgerufen. Viele Spieler werden ihre Chance nutzen wollen, aber es wird auch viele abwanderungswillige und am Ende auch viele enttäuschte geben. Es wird durch Personal-Rotationen viel Unruhe geben. Es wird dann vielleicht auch schlechte Testspiele geben, und in sieben Wochen beginnt ja schon die neue Zweitliga-Saison. Daher: Teamgeist. Ob er unter den geschilderten Voraussetzungen von Beginn an da sein kann? Es ist unerlässlich, dass das Duo Hecking/Boldt von Beginn an harmonisch und deutlich zusammen agiert und in eine Richtung rudert, und es wäre hilfreich, wenn früh Anker in der Mannschaft gesetzt werden könnte. Wenn klar ist, dass Aaron Hunt das Team zieht. Das Lukas Hinterseer das Angriffsspiel auf sich lenkt. Dass Daniel Heuer Fernandes hinten ein Bollwerk bildet – zum Beispiel. Gelingt solch eine Stabilisation, nach und nach, dann kann sich ein Team bilden. Dazu gehört, Rückschläge auszuhalten – darin war der HSV-Organismus in den letzten Jahren ganz schlecht, weil auf allen möglichen Entscheidungs-, Führungs- und Leitungs-Ebenen beleidigte „Top-Funktionäre“ sowie unten auf dem Rasen machtlose „Super-Spieler“ die Schuld immer „den anderen“ in die Schuhe geschoben haben. So haben auch die Herren Hoffmann und Kühne Geduld nicht unbedingt in die Wiege gelegt bekommen. Sie könnten sich an den HSV-Fans ein Beispiel nehmen, die langsamen und steten Aufbau akzeptieren würden und die Nase voll haben von vollmundigen Versprechungen, die nicht eingehalten werden können.

Bei den Toronto Raptors steht im Moment eine ganze Stadt, sogar ein ganzes Land hinter der „Franchise“, hinter dem Unternehmen. Noch nie hat eine Mannschaft aus Kanada die NBA gewonnen. Und der HSV ist noch nie in die Bundesliga aufgestiegen. Auf das Team kommt es an.

Zum Abschluss noch ein Hinweis: am Pfingstsonntag vor 40 Jahren feierte der HSV seine erste Bundesliga-Meisterschaft. Und zwar unter teilweise dramatischen Umständen – wer dabei war, wird die Szenen nach dem abschließenden 1:2 gegen Bayern München und den folgenden Platzsturm im alten Volksparkstadion nicht so schnell vergessen. Auf der Internet-Seite des NDR gibt es dazu ein umfassendes und sehr sehenswertes „Storytelling“.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.