Lars Pegelow

30. Juli 2018

Drei Spieler für nur eine Position – ganz schön viel. Fiete Arp, Pierre-Michel Lasogga und Manuel Wintzheimer sind das, was man früher als Mittelstürmer bezeichnet hat. Fußball-Wissenschaftler lassen sich dafür heute andere Bezeichnungen einfallen, aber am Ende bleibt es dabei: diese drei sind beim HSV dafür da, Tore zu schießen. Keiner von ihnen hat seine Stärken auf dem Flügel, und selbst wenn Trainer Christian Titz in der Vorbereitung das eine oder andere Mal mit Fiete Arp als hängende Spitze spielen ließ, ändert das doch nichts an seinen eigentlichen Stärken vor der gegnerischen Kiste. Welchen der drei Spieler würde Titz bevorzugen? Die Antwort: in der Generalprobe gegen den AS Monaco spielte keiner von ihnen. Stattdessen spielte der Mannschaftskapitän Aaron Hunt ganz vorn.

 

Natürlich betonte Titz nach dem gelungenen Test gegen den französischen Vize-Meister (3:1), dass noch alle Spieler wertvoll sein würden im Laufe der Saison. Das ist durchaus möglich, und dennoch stellt sich die Frage, warum die gelernten Knipser nicht am Aushilfsstürmer vorbei kommen. „Wir stellen unsere Formation auch immer so zusammen, dass sie gut zum Gegner passt“, sagt Titz. Doch welche Spielweise soll ein Gegner haben, damit ein Strafraumstürmer wie Pierre-Michel Lasogga im Titz-System zum Zuge kommt? Titz zeigte sich mit dem Test gegen Monaco nicht nur wegen des Resultats zufrieden, sondern auch, weil der defensiv eingestellte Gegner tief stand und somit die Spielweise vieler HSV-Gegner in der kommenden Saison gut simulierte. Die Antwort von Pierre-Michel Lasogga auf die oben gestellte Frage kann nur sein, möglichst viele Tore zu schießen, wenn er die Gelegenheit dazu bekommt. So ist auch sein Torabschluss am Sonnabend zum 3:1-Endstand zu verstehen, als er die durchaus mögliche Pass-Variante zum völlig freistehenden Kollegen Manuel Wintzheimer ausschlug und den Ball lieber selbst versenkte – auch auf das Risiko hin, bei einem Fehlschuss kräftig Mecker zu bekommen.

 

Normalerweise müsste es Lasoggas Anspruch sein, in der 2. Liga alle Spiele zu bestreiten und mindestens 20 Tore zu schießen. Das Zeug dazu hat er allemal. Ich gebe zu, als der bullige Stürmer 2014 zum HSV gekommen ist, war ich ein großer Fan von ihm. Lasogga hat bestochen durch seine offene und unbekümmerte Art, er hat die gegnerischen Abwehrreihen allein mit seiner Erscheinung verunsichert und darüber hinaus natürlich Tore geschossen. Urgewalten sind damals in den Volkspark eingekehrt. Nicht umsonst ist Lasogga zu der Zeit in den Kreis der Nationalmannschaft eingekehrt. Das Ganze hielt nur eine Saison, und spätestens seither vergeht kein Zeitungsartikel über Lasogga, in dem nicht mindestens einmal sein enormes Gehalt erwähnt wird. So wie hier in diesem Moment. Das liegt natürlich daran, dass Lasogga seine Torquote nicht aufrecht erhalten konnte – beim HSV nicht, und auch am Ende nicht mehr bei seiner englischen Leihstation in Leeds. Und das war dann auch schon 2. Liga.

 

Nun also wieder 2. Liga, und zwar mit dem HSV. Mit 26 Jahren ist der Zug nach ganz oben für Lasogga vielleicht abgefahren, dennoch gehört er längst nicht zu den alten Spielern. Da geht noch was, schließlich ist Lasogga bei aller Kritik immer noch derjenige mit dem besten Torabschluss in der Mannschaft. Das hat er selbst bei seinen Kurz-Einsätzen der jüngeren Vergangenheit in Hamburg immer wieder unter Beweis gestellt. Entscheidende Tore gegen Augsburg, entscheidendes Tor auf Schalke in den vergangenen Retter-Jahren – das sind nur zwei Beispiele. Nach außen hat sich Lasogga weitgehend zurückgezogen, es gibt nur noch wenige Interviews. Auch das ist eigentlich schade, denn Lasoggas Art ist im Grunde sehr positiv, und das wird sicher auch in der demnächst veröffentlichten großen Lasogga-Doku sichtbar sein. Warum er so wenige Interviews gibt, weiß ich nicht. Vielleicht hat er einfach keine Lust. Entscheidend ist jedenfalls, dass er seine große Stärke, den Torabschluss, besser zur Geltung bringt. Wo soll das besser gelingen als in Liga 2?

 

Vielleicht will Christian Titz seine Nummer 10 im Moment auch nur kitzeln. Damit noch mehr kommt, und Lasogga eine echte Tor-Garantie entwickelt, die den gesamten HSV zurückbringen kann in die Bundesliga. Die beiden jungen Stürmer, Fiete Arp und Manuel Wintzheimer, bringen Lasoggas Treffsicherheit noch nicht mit. Ihnen gehört jedoch die Zukunft, und sie werden sich über kurz oder lang in der Bundesliga etablieren. Dass der Weg für Fiete Arp nach den Bayern-Turbulenzen dabei im Moment noch etwas weiter ist, hat Trainer Titz schon betont. Es ist bestimmt gut, dass nach dem Anfangs-Hype um Fiete jetzt eine normale Erwartungshaltung an einen 18 Jahre jungen Fußballer entsteht, die nicht sofort Vergleiche mit früheren Klasse-Stürmern des HSV mit sich bringen müssen.

 

In jedem Fall zeigt sich in der Titzschen Nominierung von Aaron Hunt, dass er keinesfalls blind dem Jubel in die neue Jugendkultur des HSV folgt, sondern abwägt, wie viel jugendliche Unbekümmertheit sein Team verträgt. Seine aktuell sehr junge und unerfahrene Innenverteidigung hat gegen den AS Monaco überzeugt. Dass David Bates oder Rick van Drongelen in den kommenden Monaten aber auch mal daneben liegen werden, ist anzunehmen. Auf Sicht lohnt sich das Heranführen der Talente aber allemal. Bei RB Leipzig haben Dayot Upamecano (19) und Ibrahima Konaté (19) in der vergangenen Saison teilweise überragende Leistungen in der Innenverteidigung gebracht – und zwar auch auf europäischer Ebene. Die HSV-Abwehrspieler haben wohl nicht die gleiche Qualität, eine gute Rolle in der zweiten Liga können sie dennoch einnehmen. Am liebsten an der Seite oder mit der Unterstützung eines erfahrenen Mannes. Ob Joseph Baffo mit 25 Jahren gleich als erfahrener Spieler bezeichnet werden kann, sei dahin gestellt. Jedenfalls ist der Schwede mit ghanaischen Wurzeln ab dem morgigen Dienstag zum Probetraining beim HSV.

 

Baffo bringt Zweitliga-Erfahrung von Eintracht Braunschweig mit. 53 Spiele, drei Tore – diese Bilanz nennt der HSV selbst als Referenz des ablösefreien Rechtsfußes. Er ist 1,85 Meter groß und hat in Skandinavien diverse Stadionen durch (Halmstad BK, Valerengen Oslo, Helsingborgs IF) und zuvor alle Junioren-Nationalmannschaften in Schweden durchlaufen. Sicher ein Mann, den es sich anzuschauen lohnt. Auch die Grashopper Zürich, der Verein von Ex-HSV-Coach Thorsten Fink, sollen ein Auge auf Joseph Baffo geworfen haben. Heute war Baffo schon in Hamburg für den Medizin-Check. Wie weit er ist, um dem HSV eventuell sofort zu helfen, ist offen. Baffo hatte sich im Oktober vergangenen Jahres einen Kreuzbandriss zugezogen.

 

Noch eine weitere Personalie – ein Sommer-Dauerthema in diesem Jahr. Was wird mit Douglas Santos? Für mich ist es immer noch unbegreiflich, dass kein Top-Klub in Hamburg eine lukrative Offerte für den brasilianischen Olympiasieger auf den Tisch gelegt hat. Ich behaupte, in Deutschland – inklusive Bundesliga – gibt es allenfalls ein paar wenige Kicker, die auf der Position des linken Verteidigers besser sind als Douglas Santos. Möglicherweise ist die Klasse von Santos im Abstieg des HSV für andere Vereine verborgen geblieben, das wäre dann wenigstens ein positiver Mitnahmeeffekt des bitteren Gangs ins Unterhaus. Oder aber, der HSV pokert hinter den Kulissen so geschickt, dass am Ende wirklich eine hohe Ablösesumme – die dann nur im zweistelligen Millionen-Bereich liegen kann – heraus springt. Oder: Douglas Santos erfüllt seinen Vertrag in Hamburg bis 2021 wirklich und wird zu einer sportlichen Korsettstange des Wiederaufstiegs. Die HSV-Fans hätten nichts dagegen. Ich glaube aber erst, dass Douglas Santos in Hamburg bleibt, wenn der letzte Transfertag am 31. August vorüber ist.

 

Am Dienstag startet dann auch die letzte Woche vor dem Zweitliga-Start auf dem Trainingsrasen mit der einzigen öffentlichen Einheit in dieser Woche um 11 Uhr. Bis morgen!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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