Marcus Scholz

30. Juli 2019

In Hamburg, das habe er schnell gelernt, sei das Glas immer eher halbleer. Ganz im Gegensatz zu seiner Sichtweise sei man in Hamburg mehr mit dem Negativen als mit dem Positiven rund um den HSV beschäftigt. Dazu passte es auch, dass man die Entscheidung ihn der Nachspielzeit von Schiri Hartmann in Frage stellte, während man die Entscheidung in der ersten Hälfte, wo dem HSV ein Elfmeter trotz nachträglicher Videokontrolle nicht gegeben wurde, gar nicht erwähnte. „Das könnt ihr auch gern alle so beibehalten - aber ohne mich“, so Hecking, der aus dem 1:1 gegen Darmstadt dann auch längst keinen Fehlstart machen wollte, sondern davon sprach, dass man sich in den nächsten Wochen erst noch finden müsse und einen Punkt für die Moral gewonnen habe.

Okay, natürlich ist es schwierig, den Leuten in Hamburg nach den letzten Jahren Optimismus einzupflanzen. Mit einem 1:1 im Heimspiel gegen Darmstadt ist das generell schon schwierig - aber aktuell in der Situation des HSV noch mal mehr. Daher werde ich einen generellen Weg an dieser Stelle auch noch gar nicht gehen wollen. Aktuell ist der HSV für mich von Woche zu Woche, von Tag zu Tag, nein: sogar von Situation zu Situation zu bewerten. Es ist ein langer Weg zurück in die Erste Liga. Und ein noch weiterer Weg, um die eigenen Leute und vor allem die eigenen Fans wieder an positive Nachhaltigkeit glauben zu lassen. Soll heißen: Auch wenn ich glaube, dass sich der HSV personell sehr wohl verbessert hat, hat das noch nicht zu bedeuten, dass es hier auch besser wird.

Die Unruhe im Klub bleibt - Hecking interessiert's nicht

Dafür ist das Gesamtgebilde HSV durch die Erschütterungen der letzten Jahre schlichtweg zu instabil. Ruhe im Klub gibt es nicht. Egal, wer das Zepter schwingt, er/sie sieht sich immer einer breiten Opposition gegenüber. Selbst diejenigen, die Bernd Hoffmann immer wieder Eigeninteresse beim HSV unterstellen, haben selbst nichts anderes im Kopf. Es geht hier weiter mehr darum, den guten Schein zu wahren, als das Bild nachhaltig gut zu gestalten. Zumindest bei vielen - und zu denen zähle ich Dieter Hecking nicht. Überhaupt nicht. Denn der Trainer ist bislang das, was man sich von ihm erhofft hat: der Fels in der Brandung, eine Autoritätsperson. Auf dem Platz für die eigenen Spieler ebenso wie uns gegenüber, wenn er mal wieder eine dumme Frage gestellt bekommt und dementsprechend genervt beantwortet.

Und auch intern macht er deutlich, was er sieht. Erst im Trainingslager hatte Hecking nach der Ankunft von Aufsichtsratsboss Max Köttgen und Vorstandsboss Bernd Hoffmann Letztgenanntem beim abendlichen Tischgespräch deutlich gemacht, dass man mit dem bis dato vorhandenen Kader Geduld haben müsse und nicht sofort den Aufstieg einplanen könne. Worte, die der Klubchef gar nicht hören mochte - die aber eben wahr sind. Hecking nimmt kein Blatt vor den Mund. Er redet seinen Vorgesetzten nicht nach dem Mund. Er redet niemandem nach dem Mund, sagte er selbst. Und völlig losgelöst von seinen nachgewiesenen Qualitäten als erfolgreicher Bundesligacoach ist das auch einer der Faktoren, die mich am meisten hoffen lassen.

Die Hierarchie stimmt - und die Talente bekommen Zeit

Das - und die Qualität einzelner Spieler wie Adrian Fein. Spieler, die über großes Potenzial verfügen, die sich aber noch nicht wichtiger nehmen als das große Ganze - den HSV. Im Tor hat es Heuer-Fernandes am Wochenende sicher nicht so gemacht, wie man es sich erhofft hatte. Und so wenig ich eine Baustelle aus der Torwartposition gemacht hätte - denn ich behaupte weiterhin, dass Julian Pollersbeck über das große Talent verfügt, ein sehr guter Keeper zu werden - so wenig zweifle ich an Heuer-Fernandes. Der Zugang aus Darmstadt hat einige Wochen der Vorbereitung ganz oder teilweise aussetzen müssen. Das erste Mal in seiner Karriere verpasste der in Bochum geborene Portugiese die so wichtige Vorbereitung (in Teilen). Und dennoch wusste er in den wenigen Einheiten auf dem Platz im Training schon zu demonstrieren, weshalb die HSV-Verantwortlichen große Stücke auf ihn zählen. Bis zum Spiel.

Vor allem aber ist Heuer-Fernandes extrem ehrgeizig und will des unbedingt in die erste Liga schaffen. Ein Wunsch, dem er alles unterordnet. So, wie es auch ein Jan Gyamerah macht, der gegen Darmstadt noch ein Stück mehr Probleme hatte als Heuer-Fernandes. Auch der Rechtsverteidiger hat mit einer langen Verletzungspause die Erste Liga als großen Karrierewunsch noch immer vor sich. Ebenso ergeht es einem Tim Leibold, der letztes Jahr erste Liga gespielt hat, und auch einem David Kinsombi, der nach einem halben Jahr Pause fast die gesamte Vorbereitung nach einem Muskelfaserriss ausgefallen war. Sie alle (zuzüglich dem erfahrenen Lukas Hinterseer) haben ihre Karrieren noch vor sich und zumindest nicht Gefahr, sich auf Erfolge aus der Vergangenheit auszuruhen. Im Gegenteil, sie sind unverbraucht und (hoffentlich bis zum Schuss) hungrig darauf, den nächsten Schritt zu gehen. So, wie es auch der Engländer Xavier Amaechi gestern betonte.

Der HSV hat seine Mentalität verändert - auch dank Hecking

Was ich damit sagen will: Der HSV hat die Mentalität der Mannschaft verändert. Dazu hat man einen Trainer, der sich nicht zu Träumen hinreißen lässt, weil er schon fast alles auf nationaler und sehr viel auf internationaler Ebene erlebt hat. Hecking muss niemandem mehr etwas beweisen, und hat trotzdem Bock. Wer das nicht glaubt, darf gern einmal mitkommen, wenn Hecking seine Interviewrunden gibt. Dem HSV-Trainer ist dabei ins Gesicht geschrieben, dass nur ein Störfaktor für die Mannschaft zugelassen wird: er selbst.

Er allein darf die Mannschaft auseinandernehmen, wenn sie Mist baut. Und nur er darf sie in den Himmel heben, wenn sie Großes vollbringt. Alles andere soll den Spielern am Arsch vorbeigehen, hofft Hecking, der als Boss das ist, was ich mir früher immer gewünscht habe: einen Vorgesetzten, der als oberster Verantwortlicher die Mannschaft schützt, der die Schelten von außen klaglos einsteckt und diese nach unten dann noch so moderiert, dass am Ende ein Teamgebilde entsteht, das von gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. Eben immer alles im Sinne des gemeinsamen Erfolges.

Hecking schafft mit dieser Art auch die Basis für eine klare Hierarchie. Er ist der sportlich Oberste und steckt dafür als erster Verantwortlicher auch den Großteil der Schelten ein. Er ist erster Abfangjäger. Dafür hat er nach innen aber auch das Sagen. Seine Autorität ist unbestritten. So zumindest nehme ich es bislang wahr - und so war es bislang eigentlich auf allen seinen Stationen. Und damit schafft Hecking auch die Plattform für eine Hierarchie innerhalb der Mannschaft. „Aaron hatte schon im Bus gesagt, dass er schießen würde - und er ist der Boss“, hatte Lukas Hinterseer am Sonntag auf die Frage geantwortet, weshalb er als guter Elfmeterschütze nicht den Ball geschnappt hätte. Ihr seht: Intern gibt es Klarheit.

 

Sportliche Attribute werden wieder vordergründig

Hinzukommt, dass diese Hierarchie gerade auch sportlich zu entstehen scheint. Neben Hunt als Kapitän wurde Rick van Drongelen als Abwehrchef der Vorsaison zum Vizekapitän gewählt - weil er seit Monaten mit Einsatz zu bestechen weiß. Der Niederländer macht noch Fehler, die er dringend abstellen muss. Aber er ist eben auch einer, für den die anderen laufen und dem man solche Fehler noch etwas eher verzeiht, weil man einfach erkennen kann, wie hart er daran arbeitet und wie unbedingt er den Erfolg für den HSV will. In diese Gruppe der Anführer kommen noch die Erfahrenen dazu wie Kyriakos Papadopoulos, Hinterseer und sogar Kinsombi, der als Kapitän aus Kiel nach Hamburg kam.

Noch mal zusammengefast: Die Hierarchie im Team stimmt auf der Führungsebene ebenso wie bei den Führungsspielern. Hinzu kommen jetzt noch die Spieler, die so auf dem Sprung sind, dass sie jederzeit auch sportlich den Unterscheid ausmachen können. Wobei die Betonung hier auf „können“ liegt. denn sie müssen es nicht. Sie bekommen die Zeit, sich zu entwickeln. Führen müssen andere. Die Erwartung an sie ist zwar sehr gespannt - aber noch gemäßigt.

Dudziak und Kittel suchen ihre vielleicht letzte große Chance

Wie bei Jeremy Dudziak, der technisch wahrscheinlich alles mitbringt, um ein hervorragender Mittelfeldspieler zur werden, wenn er seinen Fokus beim HSV auch wirklich auf den Fußball und nicht auf das Drumherum legt. Noch ein Stück talentierter ist meiner Meinung nach Sonny Kittel, weil er mit seiner Technik, seinem Passspiel und vor allem mit seiner Schussgewalt eine seltene Qualität mitbringt.

Ebenso wie Adrian Fein mit seiner Spielintelligenz. Es gab meiner Meinung nach lange keinen Spieler mehr beim HSV, der so spielintelligent auf der Sechs agierte und bei seiner Premiere in so jungen Jahren schon derart präsent war. Und dabei ist mir in der Bewertung tatsächlich egal, ob er nun keinen oder zehn Fehlpässe gespielt hat. Denn eines weiß ich: Fein hat das Spiel an sich gezogen und es geleitet. Wer viel macht, darf Fehler machen. Und Fein war es auch, der in den letzten Minuten noch mal die Schlagzahl erhöht und alles versucht hat. Ich weiß ehrlich gesagt schon gar nicht mehr, wie oft ich das schon geschrieben habe, aber Fein ist für mich nicht nur der Gewinner der Vorbereitung sondern auch ein Spieler, den der HSV besser gestern als morgen versuchen sollte, dauerhaft an sich zu binden.

Wenn ich jetzt noch sehe, dass ein Toptalent wie Xavier Amaechi aus London kommend in Hamburg wider allen Hype bewusst bescheidene Worte wählt und sich zuallererst an Youngster wie Jonas David und Josha Vagnoman orientiert, dann scheinen die Verhältnismäßigkeiten beim HSV aktuell zu stimmen. Sie sind vielleicht ein wenig altmodisch orientiert, was die Hierarchie betrifft - aber sie sind eben so, wie ich es selbst kennen- und schätzengelernt habe. Ich freue mich wie ein kleines Kind darüber, dass beim HSV mit neuen Spielern und vor allem einem neuen Trainer in Sachen Teambildung auf Altbewährtes gesetzt wird.

Endlich wieder Basis - und keine Diskussion über Konzept- oder Laptoptrainer

Denn das wurde Zeit. Ich glaube, dass in Zeiten, in denen mehr über die Notwendigkeit von Laptop- und Konzepttrainern, von abkippenden Sechsern und falschen Neunern in variablen Dreier- wie Fünferketten diskutiert wird als über das Spiel an sich, das Einfache oft vergessen wurde: die gesunde Mischung im Team. Aber wenn mich nicht alles irrt, ist der HSV gerade auf einem sehr guten Weg, diese Mischung herzustellen. Auf diesem Gebiet würde ich Hecking zwar erneut widersprechen - aber nur im positiven Sinne: denn hier ist das Glas meiner Meinung nach mehr als halbvoll…

In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch, da wird um 15.30 Uhr trainiert. Und da treffe ich mich mit dem Präsidenten des HSV eV., mit Marcell Jansen, zum Rautenperle-Talk. Den wiederum könnt Ihr dann am Abend an dieser Stelle und auf unserem youtube-Kanal sehen.

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.