Marcus Scholz

26. November 2018

 

Schon am Morgen beim Auslaufen war schnell klar: Pierre Michel Lasogga wird ausfallen. Der Angreifer fehlte beim Anschwitzen gleich ganz und der HSV vermeldete seinen Ausfall. Für den Tiptorjäger des HSV rückte Bakery Jatta in die Startelf und übernahm die linke Außenbahn, während Khaled Narey rechts begann und Hee-chan Hwang ins Sturmzentrum wechselte. Seine Rolle als freier Mann hinter/neben Lasogga fiel somit weg. Leider. Denn es wäre spannend gewesen, den Südkoreaner mal ohne jede Bindung an eine Position auf dem Feld agieren zu sehen. Wobei - eigentlich war er sogar gar nicht dabei. Die HSV-Verantwortlichen für die Stadionshow hatten vor dem Spiel noch alles versucht, um den Gegner aus Berlin komplett zu verwirren. Statt Holtby und Hunt tauchten Arp und Moritz in der Startelf auf. Und auch ansonsten stimmte nicht viel - auch nicht Ende. Denn trotz einer 2:1-Führung bis in die letzte Minute konnte der HSV die wichtigen drei Punkte nicht in Hamburg behalten und kassierte doch noch das bittere 2:2.

„Nur“ 45.584 Zuschauer wollten sich an diesem 5 Grad Celsius kühlen Abend das Spiel live vor Ort im Volksparkstadion ansehen. Davon eine stimmgewaltige 6000 Fans starke Gruppierung aus Berlin, die mit ansah, wie das Spiel so begann, wie es sich die Berliner erhofft hatten. Der HSV machte das Spiel, Union störte früh und aggressiv und kam zu schnellen Gegenstößen. Polter verpasste dabei eine (glückliche, weil unkontrollierte) Hackenweiterleitung nach knapp 60 Sekunden nur knapp, während der - vorweggenommen: wieder schwache - Hwang auf der anderen Seite einen Sololauf nur bis zum Abschluss schaffte - allerdings exklusive selbigen (2.). Aber dann - passierte nicht mehr viel.

Der HSV mit viel Ballbesitz und wenig Ideen Richtung Tor - und Union trifft. Auch nicht wirklich zu erahnen, aber einen schnellen Gegenangriff, bei dem Sakai zunächst auf seiner weit eingerückten Position als Außenverteidiger fehlt, dann verliert van Drongelen im Sechzehner die Orientierung beim Zweikampf gegen Mees und Leo Lacroix machte eine Mischung aus nichts und alles falsch, als er unbeholfen an Mees vorbeidürft und diesem den Weg zum Tor freimacht. Der Schuss des Berliners aufs kurze Eck war dann zu scharf und für Julian Pollersbeck unhaltbar - das 0:1 in der 12. Minute.

Beim HSV stimmte jetzt weder Ergebnis noch Spiel. Lacroix und van Drongelen mit Fehlpässen en masse, während Hunt und Holtby im Mittelfeld die Bälle verloren. Auch Douglas Santos wirkte zunächst ungewohnt fahrig, während Gotoku Sakai nach einem kleinen Zwischenhoch heute in den ersten 45 Minuten wieder in sein altes, schwaches Spiel zurückfiel. Wobei man bei den beiden Letztgenannten dazu sagen muss, dass sie extrem weit innen agierten und sich teilweise mit Hunt, Holtby und Mangala den Raum selbst zu eng machten, während sie (wie beim 0:1 Sakai) dann außen fehlten. Nein, die erste Halbzeit, in der sich einer der drei wirkungslosen Offensivspieler des HSV, Khaled Narey, nicht hätte beschweren dürfen, wenn sein Foul an Primel in der 32. Minuten zu einem Foulelfer (sah für mich so aus, als wäre es noch im 16er gewesen) gegen den HSV geführt hätte.

Dass Hannes Wolf in der Halbzeit nicht wechselte, verwunderte mich dann doch sehr. Jatta war auf außen komplett ausgeschaltet, während Hwang im Zentrum nicht zurechtzukommen schien. Ich hätte - wie eigentlich von Beginn an, Fiete Arp gebracht, um vorn ein wenig flexibler spielen zu können. Und trotzdem traf der HSV, der entgegen meinen Erwartungen plötzlich Druck entwickelte. Auch, weil Santos endlich Gas gab. Der zweite Versuch des Brasilianers über die linke Seite war es, der zum Ausgleich in der 58. Minute führte. Der EX-HSVer Ken Reichel war es, der den Ball nach einer Flanke Santos’ nicht richtig klären konnte und ihn quer direkt vor die Füße von Aaron Hunt stolperte. Der HSV-Kapitän hatte aus sieben Metern keine Probleme mehr - das 1:1 (58.).

Der HSV war jetzt im Spiel. Immer wieder ging es schnell nach vorn - vor allem über alle die, die ich oben schon gedanklich ausgewechselt habe. Vielleicht ist das ja der Grund, weshalb Wolf unten auf der Bank und ich oben auf der Tribüne sitze… ;-) Aber im Ernst, Jatta über links nahm Fahrt auf, Hunt und Holtby schalteten im Zentrum schnell von Defensive auf Offensive. Und die beiden Außen, Santos und Narey funktionierten jetzt endlich. So auch beim 2:1 für den HSV durch unseren morgigen Studiogast Lewis Holtby, als sich Jatta über links durchsetzte und in seiner unkonventionellen Art den Ball in die Mitte passte. Er traf irgendeinen Berliner, von dem der Ball zu einem anderen Berliner prallte, der wiederum den Ball in die Mitte auf den völlig freistehenden Holtby abfälschte - das 2:1 für den HSV in der 65. Minute. Das in der ersten Hälfte wirklich schwache HSV-Spiel war gedreht.

Wer aber nun dachte, die Berliner würden einbrechen, der hatte die Rechnung ohne Berlins Trainer Urs Fischer gemacht. Denn der wechselte offensiv. Für den blassen Polter kam mit Andersson ein weiterer Offensivspieler mit Abschlussqualität, während Wolf in der 75. Minute Torschütze Hunt (der fand das gar nicht gut!) rausnahm und mit David Bates einen weiteren Verteidiger brachte und auf 5-4-1-System umstellte. Ab der 79. Minute mit Fiete Arp für Narey sowie ab der 85. Christoph Moritz für den - mal wieder! - besten HSV. Auch wieder zwei Wechsel, die ich nicht verstanden habe. Für mich war es das falsche Zeichen - aber das soll nun gerade heute wirklich gar nichts heißen. Eher im Gegenteil…

Und dennoch kam, was nicht mehr kommen durfte. In der 90. Minute, unmittelbar nachdem Hwang für den HSV eine richtig gute Konterchance liegen ließ, trafen die Berliner doch noch. Eine Kopfballverlängerung konnte der Berliner Abdullahi, der dem schwachen Lacroix enteilte, aus kurzer Distanz einschieben. Nicht mehr wirklich verdient - aber sehr zur Freude der Berliner, die zumindest auf den Rängen diesen einen Punkt wie einen Sieg feierten. „Wir haben in der ersten Hälfte nicht gut gespielt. Am Ende hätten wir uns vor dem späten Ausgleich aber mit dem 3:1 belohnen können. Das zeigt auch, was für ein schmaler Grat es heute war", resümierte Lewis Holtby im Anschluss. Es war ein bitteres Ende einer seltsam schwankenden Partie zweier Aufstiegsaspiranten. Rechnet man beide Halbzeiten gegeneinander auf - war es wahrscheinlich nicht mal unverdient. Aber das Zustandekommen schmerzt dann doch.

 

Das Beste: der HSV hat sich mit nunmehr 28 Punkten wieder die Tabellenführung vor dem 1. FC Köln (27 Punkte) ergattert, zog Union Berlin wieder am FC St. Pauli vorbei auf Rang drei.

Ich melde mich nachher nochmal mit ein paar Stimmen und dem Trainerkommentar. Bis gleich!

Scholle

Stimmen zum Spiel (Quelle: HSV.de):

Aaron Hunt: Fast mit dem Schlusspfiff den Ausgleich zu bekommen, ist natürlich bitter. Das wird uns jetzt aber nicht aus der Bahn werfen. Wir haben eine gute Reaktion in der zweiten Halbzeit gezeigt. Die erste Hälfte haben wir verschlafen gewirkt und sind zu behäbig aufgetreten. Meine Auswechslung hatte taktische Gründe. Wir wollten mit David einen weiteren Kopfballspieler reinbringen, was in der Vergangenheit auch immer geklappt hat. Wir haben auch ohne Pierre ein gutes Spiel gemacht und hatten reichlich Offensivkraft. Das Trio hatte viele Aktionen. Wenn Hwang das 3:1 macht, dann ist das Spiel durch. Wir sind nach wie vor Erster und haben eine gute Serie von ungeschlagenen Spielen. Auch heute waren wir die bessere Mannschaft, auch wenn wir Pech in der letzten Aktion hatten. So ist Fußball. Das ist noch heute und morgen in den Köpfen und dann muss es raus, damit wir uns optimal auf Ingolstadt vorbereiten können. 

Lewis Holtby: Das Ergebnis ärgert uns sehr. Im Fußball liegen Freund und Leid nah beieinander. Es entscheiden Nuancen. Wir müssen vorher das 3:1 schießen und damit den Sack zumachen. Dann stehen wir anstatt jetzt mit einem Punkt als Sieger in der Kurve. Wir haben bis zur 90 Minuten mit 2:1 geführt und dann hinten im entscheidenden Moment als Mannschaft nicht aufgepasst. Kopfballduell verloren, Zweikampf verloren - so fängst du dir noch das 2:2. Da haben wir uns selbst geschlagen. Das ist sehr, sehr schade. Wir standen in den letzten 15 Minuten vielleicht etwas zu tief und hätten mehr Druck machen müssen. Das können wir uns ankreiden. Wenn man einen Ballermann wie Lasogga in seinen Reihen hat, dann ist es natürlich bitter, wenn er so kurz vor dem Spiel ausfällt. Hwang hat es vor allem in der zweiten Halbzeit dennoch gut gemacht, auch wenn er leider das Tor nicht erzielt hat. Gleiches gilt für Baka, der für ziemlich viel Wirbel gesorgt hat. Meiner Meinung nach muss sein Gegenspieler, der ihn gefoult hat, auch mit Rot vom Platz fliegen.  

Leo Lacroix: Ein 2:1 ist im Fußball nie ein sicheres Ergebnis. Natürlich sind wir sehr enttäuscht über den späten Ausgleich, den wir als Team einfach nicht gut verteidigt haben. Es war ein wichtiges Spiel für den Club, die Fans und die Tabelle, doch wir müssen uns jetzt mit dem einen Punkt begnügen und uns voll auf das nächste Spiel fokussieren. 

Gotoku Sakai: In der ersten Halbzeit haben wir kein gutes Spiel gemacht. Wir haben viele Zweikämpfe verloren und waren meist einen Schritt langsamer als die Berliner. Der Trainer hat in der Halbzeit deutliche Worte gefunden. Auch wir selbst waren nicht zufrieden mit unserer Leistung. Jeder hat da einen anderen Anspruch, so dass wir dem klaren Willen, das Spiel zu drehen, in die zweite Halbzeit gegangen sind. Das ist uns gelungen. Wir haben viel schärfer gespielt und dadurch auch die Tore erzielt. Leider haben wir dann im letzten Angriff geschlafen. Das ist für die Abwehr, mich eingeschlossen, sehr ärgerlich.   

Hannes Wolf: Wir sind gut ins Spiel gekommen und hatten dann auch früh eine gute Möglichkeit. Nach dem Gegentor ist ein bisschen Unsicherheit entstanden, wir haben daraufhin viele 50:50-Duelle verloren. In der Halbzeit habe ich dann mit den Jungs gesprochen. So wollten wir einfach nicht nach Hause gehen. Nach der Halbzeit hat die Mannschaft eine sehr gut Reaktion gezeigt. Wir hatten mehr Intensität und mehr Überzeugung. Nachdem wir das Spiel gedreht hatten, ist Union wieder stärker geworden und hat den Ausgleich erzielt. Es hat heute zwei Seiten: Schön, dass wir das Spiel gedreht haben. Auf der anderen Seite hätten wir gern gewonnen.

Urs Fischer: Es war ein tolles Fußballspiel von beiden Mannschaften und es hat Spaß gemacht, von außen zuzuschauen. Wir haben alles gesehen, was das Fußballer-Herz ausmacht. Die erste Halbzeit fand ich sehr ausgeglichen, vielleicht sogar mit minimalen Vorteilen auf unserer Seite. In der zweiten Hälfte war der HSV besser. Sie haben enormen Druck erzeugt. Die beiden Gegentore waren nicht zwingend in der Entstehung, das müssen wir uns ankreiden. Wichtig war, dass meine Mannschaft bis zum Schluss an sich geglaubt und am Ende auch belohnt hat.

 

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Pollersbeck - Sakai, Lacroix, van Drongelen, Santos -  Mangala (86. Moritz) - Narey (79. Arp), Hunt (75. Bates), Holtby, Jatta - Chan

Union Berlin: Gikiewicz - Trimmel, Friedrich, Hübner, Reichel - Schmiedebach, Prömel - Abdullahi, Hartel (77. Gogia), Mees (46. Hedlund) - Polter (64. Andersson) 

Tore: 0:1 Mees (12.), 1:1 Hunt (58.), 2:1 Holtby (65.), 2:2 Abdullahi (90.)

Zuschauer: 45.584

Schiedsrichter: Frank Willenborg (Osnabrück)

Gelbe Karten: - / Hartel (76.), Trimmel (87.)

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

Kategorien