Marcus Scholz

14. Dezember 2018

Die ganze Woche war er Thema - und er blieb es auch heute: Aaron Hunt. Unter der Woche lange fraglich, konnte der HSV-Kapitän gestern das Abschlusstraining schmerzfrei absolvieren und stand daher wie angekündigt in der Startelf. Wie wichtig das war, bewies der 32-Jährige dann in den heutigen 90 Minuten. Sein genialer Freistoßtreffer aus 18 Metern in der 18. Minute zum 2:1-Endstand entschied am Ende eine eher wenig spannende und niveauarme Partie beim MSV Duisburg und bescherte dem HSV die Herbstmeisterschaft. Und das obwohl der HSV mal wieder seine Chancen auf eine Vorentscheidung liegenließ und die Partie unnötig so viel lange offen blieb. Es war der elfte Saisonsieg und das achte Spiel, das mit nur einem Treffer Vorsprung gewonnen wurde.

Aber der Reihe nach: Wie von allen erwartet, begann der HSV im Vergleich zum 1:0-Sieg gegen Paderborn mit der identischen Elf, nachdem sich auch Aaron Hunt rechtzeitig fit gemeldet hatte. Und alle hofften auf einen Beginn, wie zuletzt gegen den SC Paderborn, wo man sich in den ersten vier Minuten allein schon drei richtig gute Chancen erarbeitet hatte und nach 11 Minuten durch Khaled Narey früh in Führung gegangen war. Und auch diesmal sollte es nicht viel länger dauern, bis wieder Narey die Führung besorgte. Genau genommen war es nach einem missglückten Lupfer aus 50 Metern von Duisburgs Iljutschenko die erste richtige HSV-Chance. Duisburgs Abwehrspieler Fröde schießt im Spielaufbau unglücklich Hunt auf Höhe der Mittellinie an und der Ball prallt zu Lewis Holtby, der Hwang starten sieht. Der Südkoreaner läuft mit Ball  in den MSV-Sechzehner, rutscht kurz aus und verzichtet auf den eigenen Abschluss - zum Glück! Denn rechts war Narey mitgelaufen und der musste den von Hwang uneigennützig quergelegten Ball aus kurzer Distanz  nur noch an MSV-Keeper Mesenhöler vorbei Einnetzen - das 1:0 für den HSV in der 12. Minute!

Ein Tor, das dem bis hierhin spielbestimmenden HSV eigentlich Sicherheit geben sollte - aber nicht gab. Denn Duisburg glich gerade einmal 90 Sekunden später aus. Erst konnte Julian Pollersbeck einen Schuss des Ex-St.-Paulianers Sukuta-Pasu „nur“ zur Ecke abwehren. Und der Standard wird am ersten Pfosten von Aaron Hunt per Rücken unglücklich verlängert, landet bei Duisburgs Nauber, der aus neun Meter komplett freistehend per Volleyabnahme draufhält - und trifft. Das 1:1 (14.). Wo war hier der Gegenspieler?? Wer war hier überhaupt der Gegenspieler? Beides war nicht mal mehr zu erahnen, so frei stand Sauber bei seinem Treffer. Aber, und das muss man positiv festhalten: Der HSV machte sofort weiter. Trotz der Probleme in der Defensive machte der HSV unverändert das Spiel und kam zu Chancen.

Oder besser gesagt, zu Szenen, die zu richtigen Chancen hätten werden können/müssen. Erst zielt Holtby aus 17 Metern zu hoch (15.), dann legt Jatta den Ball im Sechzehnter quer auf Hunt, der aber zu langsam schaltet und anstatt abzuziehen den Ball verdaddelt (17.). 

Holtby und Hunt waren es dann aber, die den Führungstreffer zum 2:1 besorgten. Erst wurde Holtby rund 18 Meter vor dem MSV-Tor gefoult, dann nahm sich Hunt der Sache an und verwandelte per direkten Freistoß über die Mauer per Innenpfosten zum 2:1 (18.) Es war schon Hunts vierter Saisontreffer - und dazu ein richtig schöner, den er in der 24. Minute fast noch getippt hätte. Allerdings strich der Freistoß aus knapp 25 Metern knapp über das Tor.  

Was von Duisburg kam? Eigentlich nicht viel. Dennoch hatten sie gegen die heute erstaunlich fahrig wirkende HSV-Abwehr in der 29. Minute durch Stoppelkamp tatsächlich die Chance zum Ausgleich, nachdem in der Mitte van Drongelen und Bates beide auf den Ball warteten, anstatt ihm entgegenzugehen und ihn zu klären. Duisburgs Bestem war es egal. Stoppelkamp schnappte sich die Kugel und zog aus sieben Metern ab - zum Glück deutlich zu hoch. Weshalb der HSV hinten gegen an sich wirklich ungefährliche Duisburger so viele Lücken offenbarte, schwer zu sagen. Der rutschige Unterboden könnte ein Effekt gewesen sein. Hüben wie drüben, denn auch die Gastgeber hatte ihre Probleme, schnell zu reagieren.

Dennoch blieb es beim 2:1 für den HSV zur Halbzeit und Trainer Hannes Wolf sah keinen Anlass, etwas zu verändern. Er schickte die identische Elf auf den Platz - und es begann, wie es zuletzt gegen Paderborn geendet hatte: Der JSV vergab die Vorentscheidung. Gleich mehrfach. Erst scheiterte Bates per Direktabnahme eines Santos-Freistoßes aus sechs, sieben Metern (53.) und demonstrierte, warum er kein Torjäger sondern ein Abwehrspieler geworden ist. Dann war Hee-chan Hwang, der es eigentlich besser können sollte, nach einen Hunt-Pass frei durch, umkurvte erfolgreich Duisburgs herauseilenden Mesenhöler Keeper und hatte aus halblinker Position und zugegebenermaßen recht spitzem Winkel nur noch Nauber auf der Linie vor sich. Aber an genau jenem scheiterte MSV-Abwehrmann scheiterte der bis hierher wie immer sehr fleißige Hwang. Das sichere 3:1 - vergeben.

Und so blieb es mal wieder unnötig spannend. Es wäre trotzdem gegen an sich wirklich schwache Duisburger wieder richtig spannend geworden, wenn Schiedsrichter  Christian Dietz nicht so gut hingesehen hätte und die kritische Szene in der 64. Minute mit einem Elfer geahndet hätte. Was geschehen war? Sukuta-Pasu war allein vor Pollersbeck, der mit den Händen zuerst am Ball, dann an den Beinen des MSV-Angreifers war. Korrekte und sicher in Realtempo nicht ganz leicht zu erkennen Entscheidung: Abstoß für den HSV. Starke Leistung von dem auch sonst sehr souveränen Schiedsrichter aus München.

Nicht ganz so souverän war dann der Abgang von Lewis Holtby, der von Wolf in der 75. Minute durch Josh Vagnoman ersetzt wurde. Schimpfend verließ der Mittelfeldspieler den Platz, klatschte beiläufig mit dem Trainer ab und pöbelte: „Immer wieder. Immer wieder“, womit er den Umstand beschimpfte, dass er bereits zum dritten Mal in Folge in der Endphase ausgewechselt wurde. Wolf ließ das kalt, ebenso den eingewechselten Vagnoman, sofort Tempo aufnahm, über rechts durchbrach den Ball in den Rückraum legte - abgefangen. Und auch Fiete Arp, der in der 84. Minute für Jatta kam, hatte gleich eine gute Szene, scheiterte aber aus 11 Metern am gut reagierenden MSV-Keeper (87.).

Am Ende scheiterten die Duisburger an ihrer eigenen Unfähigkeit, verloren durch eine aus meiner Sicht überzogen harte Gelbrote Karte sogar noch  Albutat (90.+4) und der HSV siegte knapp aber verdient mit 2:1. Damit holte sich die Wolf-Equipe das „Titelchen“ Herbstmeisterschaft. Nicht schön, eher minimalistisch - aber eben erfolgreich. Es war zudem Wolfs siebter Sieg im achten Spiel als HSV-Trainer auf schwierigem Geläuf. „Wir müssen unsere Konter nur besser ausspielen, treffen - und dann ist auch Ruhe hier“, sagte Siegtorschütze Hunt nach dem Spiel. Und ehrlich gesagt: Genau so schnell kann man das Spiel des HSV gegen erschreckend harmlose Duisburger zusammenfassen. Ergo: Mund abwischen, kurz über den (vorläufigen) Ausbau der Tabellenführung freuen - und dann daran arbeiten, die eigenen Möglichkeiten endlich konsequenter zu nutzen.

In diesem Sinne, freuen wir uns bei aller Kritik trotzdem erst einmal darüber, dass der HSV die erste Saisonhälfte als Tabellenerster abschließt. Freuen wir uns darüber, dass die gesamte Konkurrenz jetzt unter dem Druck steht, nachziehen zu müssen. Ich auf jeden Fall freue mich darauf, morgen die Spiele von Union Berlin gegen Bochum und dem FC St. Pauli gegen Fürth ganz entspannt anschauen zu können…

Bis morgen! Da wird um 11 Uhr am Volksparkstadion trainiert. Die Ersatzspieler auf dem Platz, die heute eingesetzten Akteure mit dem Spiel-Ersatztraining.

Bis dahin! Scholle

Das Spiel im Stenogramm:

MSV Duisburg: Mesenhöler - Regäsel, Wiegel, Nauber, Seo - Fröde (46. Albutat), Schnellhardt - Stoppelkamp (78. Engin), Oliveira Souza (68. Gyau) - Sukuta-Pasu, Iljutcenko

HSV: Pollersbeck - Sakai, Bates, van Drongelen, Santos -  Mangala - Narey, Hunt (90. Moritz), Holtby (75. Vagnoman), Jatta (84. Arp) - Hwang

Tore: 0:1 Narey (12.), 1:1 Nauber (14.), 1:2 Hunt (19.)

Zuschauer: 26.500

Schiedsrichter: Christian Dietz (München)

Gelbe Karten: Nauber (40.), Schnellhardt (65.), Albutat (80.) / Jatta (67.)

Gelb-Rote Karten: Albutat (90.+3)

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.