Marcus Scholz

5. Oktober 2018

Natürlich war es am Ende noch einmal knapp. Und das wiederum werden viele Kritiker dazu nutzen, um dem HSV wieder fehlende Qualität zu unterstellen und statt von einem wichtigen Auswärtssieg nur von einem "Zittersieg" sprechen. Trotz 89 Minuten anhaltender Überlegenhiet und Chancen, um das Spiel schon früher deutlich zu entscheiden. Und trotzdem bislang keine Mannschaft in dieser Liga derart dominant alle ihre Spiele gewinnt – scheißegal. Der HSV muss es einfach.

Was für ein völlig vermessener, arroganter Schwachsinn!

Dieser 2:1-Sieg war am Ende tatsächlich knapper als es sein musste, das stimmt. Aber angesichts des Drucks, den man dieser Mannschaft samt Trainer fahrlässig auf den Rücken geschnallt hatte, muss man dieses Spiel allein im Ergebnis werten. Und das besagt: Gewonnen! Sogar absolut verdient. Denn der HSV war in Darmstadt über die 90 Minuten gesehen das zweifelsfrei bessere Team und hätte die Partie mit etwas mehr (geistiger Frische und) Drabg zum dritten Treffer früher entscheiden können, wenn nicht gar müssen. Aber okay, es wurde gewonnen und somit steht der HSV zumindest für heute mit 17 Punkten auf dem zweiten Tabellenplatz.

Aber zurück zum Spiel, das mit Fiete Arp ganz vorn begann. Der junge 18-Jährige sollte seine spielerischen und läuferischen Fähigkeiten einbringen. Also anders als gegen den FC St. Pauli, wo der Heißsporn quasi wirkungslos geblieben war. Und gefährlicher zu sein als gegen den FC St. Pauli, das schaffte er eigentlich schon nach sieben Minuten. Nach einem ungefährlichen Torschuss zuvor aus 18 Metern spielte ihn Tatsuya Ito – die einzige Änderung in der Startelf gegenüber dem Derby – mit einer Hackenablage frei. Allerdings ließ sich Arp zu weit nach Außen abdrängen und kam mit seinem schwächeren, linken Fuß nicht mehr komplett hinter den Ball. Dennoch, allein das war schon mehr Torgefahr als zuletzt gegen St. Pauli.

Auch insgesamt fing der HSV heute sehr gefällig an. Wie immer mit viel Ballbesitz – aber heute eben auch endlich mal mit dem Zug zum Tor. Gegen elf Darmstädter in der eigenen Hälfte versuchten es Hunt und Co. über schnelles Passspiel in die Spitze. Hwang und Ito sollten zudem ins Eins-gegen-Eins-Spiel gehen, um so Räume zu öffnen. Und das gelang schon nach 13 Minuten: Aaron Hunt, der gegen den FC St. Pauli noch grenzwertig schwach agiert hatte, traf mit einem schönen, platzierten Flachschuss aus 18 Metern zur Führung. Zur verdienten Führung!

Nach 305 Zweitligaminuten ohne eigenen Treffer also endlich wieder ein HSV-Tor – und dieses öffnete das Spiel für den HSV ein wenig, da die Betonabwehr-Taktik der Darmstädter damit früher oder später hinfällig wurde. Dass die erste Darmstädter Torchance aus einem verunglückten Klärungsversich von van Drongelen resultierte (23.) – fast logisch. Allerdings resultierte aus der nachfolgenden Ecke dann eine weitere, richtig dicke, selbst erspielte Chance, als Dursuns Kopfball konnte gerade noch geblockt warden, ansonsten ware es tatsächlich eng geworden.

Es war jetzt ein richtig intensives Spiel in den ersten 45 Minuten. Es wurde hitziger, umkämpfter, da Darmstadt jetzt nicht mehr nur abwartete, sondern seinerseits attackierte. So auch in der 34. Minute, als Hunt unter Druck einen ungenauen Pass auf Bates spielte, der den Ball nicht wegbekam und Dursun so zum Torabschluss einlud. Allein van Drongelen konnte den Ball zur Ecke “weggrätschen”. Und gerade einmal 90 Sekunden später war es der heute erneut weit unter seinen Möglichkeiten bleibende Hwang, der die Darmstädter zu einem zum Glück am Ende ungenutzten aber sehr gefährlichen Konter einlud (36.).

Der HSV brachte Darmstadt plötzlich wieder ins Spiel, ohne dass diese viel dafür tun mussten. Das einzig Gute daran: Es weckte das Vertrauen der Darmstädter, selbst nach vorn zu arbeiten – und das wiederum öffnete dem HSV Räume. Einen davon nutzte der HSV. Auch dank eines erneuten Glücksgriffes von Titz: Khaled Narey, den der HSV-Trainer in der 42. Minute für den wirkungslosen Ito gebracht hatte, stieß nach einem schnellen Gegenangriff von links in den Sechzehner, ging an zwei Darmstädtern vorbei und legte auf den heraneilenden Lewis Holtby ab, der aus zehn Metern trocken und flach mit links ins kurze Eck abschloss – das 2:0 (45.).

Mit Hunt und Holtby sorgten also dabei zwei Spieler für die Führung, die zuletzt (zurecht!) stark in der Kritik standen. Und wenn man schon “psychologisch wertvolle Momente” zitiert, dann muss dieses 2:0 hier ganz sicher einer dieser Momente sein. Denn diese 2:0-Führung war zum einen nicht unverdient – zum anderen sollte sie dem HSV Sicherheit geben. Auch, wenn in der Halbzeitpause (auch nach dem Spiel) ein unterirdisches und daher von mir hier gar nicht weiter zitiertes  Interview von Felix Magath den einen oder anderen unnötig aufregte, das Spiel des HSV begann auch in der zweiten Halbzeit ordentlich.

Obgleich Darmstadt die erste richtige Chance hatte. Kempe war es, der in der 63. Minute auf halbrechter (aus eigener Sicht) Position völlig frei zum Schuss kam, allerdings aus 12 Metern zu hoch zielte. Glück für den HSV in dieser Situation, und das Signal für Titz, in die Eugene Defensive wieder etwas mehr Stabilität einzubauen. Er nahm Fiete Arp runter und brachte dafür Vasilije Janijicic, der mit Mangala das Defensivzentrum schon aus dem Mittelfeld heraus absichern sollte. Und hätte Gotku Sakai in der 67. Minute den Ball härter auf den mitgelaufenen Hunt gepasst oder einfach selbst abgeschlossen – es hätte die Entscheidung sein können.

War es aber nicht – und deshalb wurde es noch mal spannend, da auch Darmstadt nicht aufsteckte. Die kampfstarken Gastgeber waren vor allem durch hohe Bälle immer wieder gefährlich. So auch in der 71. Minute, als Bates unter einem langen Ball durchsprang und dem dahinter postierten Darmstadt-Kapitän Sulu die große Chance zum Anschlusstreffer eröffnete. Allerdings zielte dieser ein wenig zu genau und verpasste knapp. Ebenso wie Aaron Hunt in der 74. Minute, als die Darmstädter Defensive sich uneins war und dem HSV-Kapitän den Ball 20 Meter vor dem Tor auflegten. Da Darmstadts Keeper Heuer Fernandes zu weit vor seinem Tor stand, versuchte es Hunt mit einem Heber – der allerdings weit vorbei ging.

Es folgten 15 Minuten, in denen der HSV seine spielerische Überlegenheit ausspielte. Allerdings zu wenig zielführend, wie ich fand. Denn Darmstadt war jetzt hinten offen und der HSV hätte sich bei etwas schnellerem Umschaltspiel deutlich mehr Chancen herausarbeiten können. Man entschied sich allerdings für die vorsichtigere, defensivere Variante, was angesichts des  unnötig selbst auferlegten Drucks auf die Mannschaft nichts ist, was man ihr hier vorwerfen muss. Dennoch führte das dazu, dass man in der 89. Minute doch noch den Anschlusstreffer hinnehmen musste.

Der in Hamburg aufgewachsene Dursun war es, der nach einem nicht geklärten Eckball einen Schuss unhaltbar für Pollersbeck zum 1:2 abfälschte und die fünf Minuten Nchspielzeit noch einmal zur Zitterpartie machte. Und es bot sich den Gastgebern tatsächlich noch die Riesenchance, als Kempe in der 93. Minute einen unberechtigten Freistoß auf der Sechzehnmeterraumlinie über das Tor hob. Und deshalb blieb es beim 2:1-Sieg, der unnötig spannend wurde – der aber absolut verdient war. Und die Frage, die sich vor dem Spiel gestellt hatte, dürfte sich jetzt zumindest in den nächsten 14 Tagen der Länderspielpause nicht mehr stellen. Zumindest hoffe ich weiter darauf, dass sich der Vorstand – und zwar Sportvorstand Ralf Becker ebenso wie Vorstandsboss Bernd Hoffmann - jetzt endlich hinter den Trainer stellen und die nächsten 14 Tage nicht wieder mit diversen Spekulationen unruhig warden lassen. Sie müssen diesen selbst auferlegten Rucksack von den Schultern des Trainers und damit auch von der Mannschaft nehmen, die verdeutlicht hat, dass sie gewillt und in der Lage ist, in der aktuellen Konstellation Spiele zu gewinnen.

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

 

STATISTIK ZUM SPIEL:
SV Darmstadt 98: Heuer Fernandes - Rieder (80. Höhn), Franke, Sulu, Holland - Kamavuaka (59. Wurtz), Stark - Sirigu (56. Jones), Kempe, Heller - Dursun
HSV: Pollersbeck - Sakai, Bates, van Drongelen, Santos -  Mangala, Holtby (75. Moritz) - Hwang, Hunt,  Ito (42. Narey) - Arp (65. Janjicic)
Tore: 0:1 Hunt (13.), 0:2 Holtby (45.), 1:2 Dursun (89.)
Zuschauer: 17.400
Schiedsrichter: Christian Dietz (München)
Gelbe Karten: Kempe (29.), Kamavuaka (47.) / van Drongelen (40.), Sakai (90.), Pollersbeck (90.)

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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