Marcus Scholz

16. August 2019

Wer in der Tabelle ganz oben steht, der hat zumindest das Meiste erst einmal richtig gemacht. Sagt man so. Und daher dürfte ich mich an dieser Stelle eigentlich der Freude über eben diese Tabellenführung nach dem dritten Spiel der Saison hingeben. Aber: Das 1:0 gegen den VfL Bochum heute dürfte nicht nur mich, sondern vor allem auch Trainer Dieter Hecking nur bedingt zufriedenstellen. Denn gerade in den ersten 45 Minuten präsentierten sich seine Jungs heute ungewohnt fahrig, nervös und konteranfällig. Dass man Ende dennoch jubeln durfte, lag an den zweiten 45 Minuten, in denen die Defensive stabil wirkte und das Mittelfeld endlich wieder zur Schaltzentrale wurde. Und natürlich an Knipser Lukas Hinterseer, der mit seinem Treffer gegen seinen Ex-Arbeitgeber in der 60. Minute den Siegtreffer erzielte. „Wir waren in der zweiten Halbzeit galliger und zielstrebiger Richtung Tor“, bilanzierte Adrian Fein nach dem Spiel, „wir haben die Räume etwas mehr geöffnet, haben aber auch noch ein paar Dinge, die wir für das nächste Spiel in Karlsruhe verbessern müssen.“ Stimmt.

Die HSV-Spieler feiern den 1:0-Sieg - und die Tabellenführung

 

In Sachen Startelf gab es keine Überraschungen. Also nicht beim HSV, bei dem einzig Khaled Narey (seine Frau Samira erwartet ihr erstes gemeinsames Kind) aus dem Kader genommen wurde. Für ihn kam Berkay Özcan in den 20-Mann-Kader. Ansonsten spielte der HSV, wie ihn alle erwartet hatten. Und auch die Bochumer, bei denen sich vor dem Spiel das Gerücht hielt, sie würden mit einer Fünferkette überraschend Beton anrühren wollen, kamen erwartet mutig im 4-4-2-System ins Spiel. Nach knapp zehn Minuten waren sie es dann auch, die zur ersten richtig guten Gelegenheit kamen - begünstigt allerdings vom HSV, bei dem Gideon Jung den Ball auf Höhe Mittelkreis verlor und Silvere Ganvoula zum Konter einlud. Nur mit viel Mühe und einer mutigen Grätsche in die Schussbahn des VfL-Angreifers konnte Rick van Drongelen den frühen Rückstand verhindern. Aber: Hätte der Bochumer Angreifer den Kopf hochgenommen, er hätte seinen mitlaufenden Kapitän Losilla anspielen und das 0:1 aus HSV-Sicht auflegen können. Nein: müssen.

 

HSV beginnt behäbig und nervös - Bochum macht nichts draus

Der HSV wirkte in dieser Anfangsphase fahrig, agierte in allen Bereichen schwerfällig. Hinten machte Jung keinen stabilen Eindruck (vorsichtig formuliert), im Aufbau verlor Adrian Fein zu viele leichte Bälle (auch wenn er sich viele davon wiederholte) und Kinsombi wirkte heute insgesamt unfit, zu langsam im Aufbau - und er verlor einen Großteil seiner Zweikämpfe. Es dauerte sogar bis zur 29. Minute, bis der HSV seinen ersten Angriff zum Abschluss brachte. Wobei diese Chance nicht aus dem Spiel heraus sondern aus einem Eckball resultierte. Tim Leibold war es, der im Anschluss an diesen Eckball aus 18 Metern draufhielt und VfL-TorwartRiemann zu einer Glanzparade zwang. Eine gute Chance, der eine noch viel bessere folgte, denn den Abpraller bekam Jeremy Dudziak aus sechs Metern halbrechter Position halbhoch auf seinen stärkeren, linken Fuß - aber eben auch nicht an Riemann vorbei ins Tor. Der VfL-Keeper rettete zum zweiten Mal binnen Sekunden stark und feierte sich selbst dafür.

Bis dahin allerdings, das muss man so sagen, kam man nicht über den Ansatz hinaus. Auf der Gegenseite war man konteranfällig und verdankte es nur der Bochumer Unzulänglichkeit und einem gut aufgelegten Rick van Drongelen, der sich mit Bochums bulligen Angreifer Ganvoula (Gongwula ausgesprochen) packende Zweikämpfe lieferte, dass diese potenziellen Chancen der Gäste bis zur Halbzeit auch ausschließlich potenziell blieben und keine Tore fielen.

Ausgerechnet Hinterseer besorgt den Treffer des Abends

Es war ein schwaches 0:0 bis hierhin. Dennoch kamen beide Mannschaften zunächst unverändert aus der Kabine - und spielten auch so weiter, wie sie aufgehört hatten. Erst in der 59. Minute kam der HSV über Kittel auf Kinsombi (der zielte zu hoch, Riemann war aber dran) zur ersten guten Szene. Mit Folgen: Denn der daraus resultierende Eckball, den Kittel zunächst zu lang schlug, landete bei Leibold, der sich im Doppelpass mit Jatta über links durchsetzt, den Ball quer(zurück-)legt auf Hinterseer - das 1:0 (60.). Der Ex-Bochumer schloss den ersten echten, herausgespielten HSV-Angriff mit links eiskalt in den linken Winkel ab. Ein schön herausgespielter und nicht minder schön abgeschlossener Treffer.

Zum Zeitpunkt dieses Führungstreffers stand Samperio schon auf seine Einwechslung wartend am Rand, musste sich dann aber doch wieder hinsetzen. Stattdessen brachte Trainer Hecking den defensiven Mittelfeldspieler Christoph Moritz für den noch längst  nicht bei 100 Prozent angekommenen Kinsombi. Sicherheit anstelle mehr Offensive. Allein schon ob der heutigen Verfassung Kinsombis war dies eine sehr gute Entscheidung. Da die Bochumer zu diesem Zeitpunkt ihre Angriffe offenbar ohne Abnehmer im Zentrum spielen wollten, Jung sch gefangen hatte und auch Moritz gut ins Spiel fand, blieb es weitgehend ruhig auf HSV-Seite. Und das, obwohl Gästetrainer Robin Dutt seinerseits offensiv wechselte und unter anderen auch Jordi Osei-Tut brachte.

In der zweiten Halbzeit kommt der HSV - auch dank Fein

Aber entscheidend für mich war zu diesem Zeitpunkt, dass sich das defensive Mittelfeld im Zusammenspiel mit der Viererkette endlich stabil präsentierte. Sowohl in der Rückwärtsbewegung als auch nach vorn war Adrian Fein nach 45 Minuten wieder da, wo er in den letzten Spielen war: der Fixpunkt. Er lief defensiv Bälle im Mittelfeld ab, gewann seine Zweikämpfe und verteilte die Bälle geschickt (im Zusammenspiel mit dem guten Moritz) nach vorn - das war ordentlich! Und der Wendepunkt im Spiel, denn der HSV wirkte jetzt souverän, gewann deutsch an Sicherheit. Mit dem Wechsel Jairo Samperios für Kittel (80.) wechselte Jatta auf die linke Seite - und sorgte hier für die Gefahr über die Außenbahn, die man sich in der ersten Hälfte schon gewünscht hätte. Aber: Es fehlte der erlösende zweite Treffer.

Und so mussten die 41.737 Zuschauer bis tief in die Nachspielzeit noch zittern. Unnötig, weil die Bochumer dem HSV die zweite Halbzeit eigentlich komplett überließen und der HSV es verpasste, hier früher den Deckel drauf zu machen. Aber, wie hatte Dieter Hecking vor Saisonbeginn gesagt? Gerade zu Saisonbeginn zählen Ergebnisse noch mehr als der Weg dahin. Insofern: Alles richtig gemacht. Tabellenführer. Zumindest für eine Nacht.

Dutt bekommt Gelb von Schiri Dingert - und beschwert sich

„Herzlichen Glückwunsch, Dieter“, so Dutt in Richtung HSV-Trainer Dieter Hecking. Dutt, der sich nach Schlusspfiff noch eine Gelbe Karte für Meckern einhandelte und diese in aller Ausführlichkeit kritisierte („Das macht kein Spaß mehr, da fühlst du dich behandelt wie… Ich verliere den Respekt.“), sah den HSV als bessere Mannschaft des Spiels, sprach aber von einer ordentlichen Leistung seiner Mannschaft. Hecking indes lobte Bochum für die ersten 45 Minuten. „Ich war überhaupt nicht einverstanden mit der ersten Halbzeit. Es ist eminent wichtig, ins Tempo zu kommen. Da muss unsererseits mehr Leben auf den Platz kommen. Vielleicht reichten die fünf Tage nach Chemnitz nicht. Aber in der zweiten Halbzeit haben wir es viel besser gemacht. Da kam dann auch die Phase, wo der Gegner ins Truden kam. Wir müssen einfach dahin kommen, dass der Gegner von A nach B und von B nach C laufen muss. Heute gibt es aus meiner Sicht mehr zu kritisieren als zu loben.“

Einzig der Umstand, zu Null gespielt zu haben, stellte Hecking zufrieden. Und das Ergebnis. Logisch.

In diesem Sinne, bis morgen. Scholle

Das Spiel im Stenogramm:
HSV: Heuer Fernandes - Gyamerah (87. Vagnoman), Jung, van Drongelen, Leibold - Fein, Dudziak, Kinsombi (66. Moritz) - Jatta, Hinterseer, Kittel (80. Samperio)
VfL Bochum: Riemann - Bella Kotchap, Lorenz, Decarli, Soares - Losilla, Janelt (68. Bapoh) - Weilandt (53. Blum), Maier, Lee (75. Osei-Tutu) - Ganvoula
Tore: 1:0 Hinterseer (60.)
Zuschauer: 41.737
Schiedsrichter: Christian Dingert (Gries)
Gelbe Karten:  Jatta (62.) / Lorenz (40.), Dutt (nach Spielende)

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.