Marcus Scholz

2. Februar 2019

„Scheißegal“, sagte Andreas Voglsammer nach dem Spiel, als er auf seinen umstrittenen Treffer zum 1:0 angesprochen wurde. Er sei vom Schiedsrichter auch gefragt worden, ob er bei seinem hohen Bein Gegenspieler Orel Mangala getroffen habe - aber er wusste es einfach nicht. Daher eben „scheißegal“, so der Bielefelder Angreifer, der auch an der Roten Karte für Gotoku Sakai maßgeblich beteiligt war. In der 12. Minute schon musste der Japaner nach einer Notbremse an eben jenem Voglsammer vom Platz. „Wir haben heute Pech gehabt mit der Roten Karte“, befand Torhüter Julian Pollersbeck nach dem 0:2 in Bielefeld, „aber sie war wohl berechtigt. Das muss man dann auch schlucken.“ Tat der HSV aber nicht. Im Gegenteil: Man blieb nach dem 0:1 bis in die Schlussphase ohne Torchancen und verlor am Ende zurecht mit 0:2.

Trainer Hannes Wolf nahm die Niederlage verärgert, aber an sich relativ gelassen auf und sagte nach dem Spiel: „Wir sind gut ins Spiel reingekommen und hatten in den ersten Minuten gute Szenen. Dann gibt es im Fußball Momente, die alles verändern. Den hatten wir heute mit der berechtigten roten Karte. So etwas passiert.“ Ebenso wie die Gegentore. Wolf wollte die Niederlage einfach nicht stark bewerten: „Bielefeld hat nach der roten Karte Druck gemacht, wir sind dann aber auch nicht vollkommen aufgegangen. Das erste Tor fällt nach einem Standard und ist eigentlich ein Foul. Der zweite Treffer ist ein Distanzschuss. So etwas passiert im Fußball.“

Und das auch, weil Pierre Michel Lasogga in Bielefeld wegen einer Verhärtung in der Wade kurzfristig passen musste. Dabei war der Angreifer, der auch das Abschlusstraining am Freitag nicht absolviert hatte, sogar mitgereist.

„Die Zeit war einfach zu kurz von Mittwoch bis heute“, so Trainer Hannes Wolf vor dem Spiel in Bielefeld, man habe die Verhärtung nicht komplett aus der Wade massiert bekommen. Deshalb der Verzicht. „Wir wollten auf keinen Fall ein erhöhtes Verletzungsrisiko eingehen“, so Wolf, der vor der Partie schon die längerfristigen Ausfälle der anderen Stammkräfte in der Offensive, Hee-chan Hwang und Aaron Hunt verkraften musste.

Gegen Sandhausen mit Erfolg - und auch heute hatte er eine Idee: Der HSV-Trainer zog Bakery Jatta ins Sturmzentrum und ersetzte den Gambier mit Josh Vagnoman: „Josha hat sich diese Nominierung schon seit einigen Wochen verdient“, so Wolf vor dem Spiel. Wohl wahr. Und ein harter Schlag für den nominellen Mittelstürmer Fiete Arp, der selbst nach den Ausfällen von zwei Konkurrenten nicht die erste Wahl war.

Aber zurück zum Spiel, das ganz ordentlich begann. Schon nach zwei Minuten und 10 Sekunden kam Khaled Narey nach toller Vorarbeit von Douglas Santos zur ersten richtig guten Torchance. Sein Schuss aus 12 Metern ging aber weit über das Tor. Der HSV wie immer mit Druck - aber wie zuletzt in Kiel auch mit unnötigen Ballverlusten im Mittelfeld. Und einer dieser Ballverluste leitete dann auch die Niederlage ein, indem er in der 12. Minute für den ersten Dämpfer mit Langzeitwirkung sorgte. Denn Mangalas (zu diesem frühen Zeitpunkt schon zweiter!) einfacher Ballverlust führte zum Konter über Bielefelds Klos, der den schnellsten Arminen Voglsammer lang schickte. Gotoku Sakai kam nicht hinterher, foulte - und musste als letzter Mann zurecht mit Rot vom Platz.

Allerdings völlig zu Unrecht musste der HSV in der 17. Minute den frühen Rückstand hinnehmen. Nach einem Foul vom inzwischen nach rechts hinten gerückten Vagnoman gab es Freistoß. Diesen konnte Bielefelds bester Mann (den sollte/und wird Becker zwingend auf dem Zettel haben!), Andreas Voglsammer mit dem Fuß zum 1:0 verwerten. Problem hierbei: Der Fuß war nicht nur auf Kopfhöhe Mangalas, er traf den HSVer beim Torschuss sogar! Die 1:0-Führung in der 17. Minute hätte schlicht nicht zählen dürfen. Dass der Schiedsrichter im Anschluss zum Torschützen marschierte und diesen fragte, ob es Foul war - albern! Das MUSSTE er selbst sehen können!

Regulär dann allerdings das 2:0 für die Arminen, die die Überzahl jetzt gut ausspielten. Der HSV konnte sich noch gar nicht an die neue Situation gewöhnen, da stand es schon 2:0. Den ersten wuchtigen Schuss aus 18 Metern von Reinhold Yano konnte Julian Pollersbeck noch sensationell parieren. Den zweiten, aus diesem Angriff resultierenden Schuss, wenige Sekunden später dann nicht mehr. Der Bielefelder Mittelfeldspieler traf durch die Beine von Narey das aus seiner Sicht linke, untere Toreck - das 2:0 (26.).

Der HSV fand offensiv kaum noch statt und hatte mit einem Freistoß aus 20 Metern (42.) noch die gefährlichste Szene bis dahin. Natürlich wogen die Ausfälle und der Platzverweis schwer. Aber das erklärt nicht, weshalb ein Mangala heute im Mittelfeld nahezu nicht stattfand. Wenn der Belgier mal mitspielte, dann verlor er die Bälle oft einfach, während Tatsuya Ito wirkungslos im Mittelfeld herumlief und Jatta dadurch vorn (er wechselte nach dem Platzverweis auf die linke Außenbahn) in der Luft hing.

Kurzum: Es musste etwas passieren, denn der HSV schien sich aus seiner Notsituation nicht selbst befreien zu können. Umso erlösender dann auch der Halbzeitpfiff, der dem HSV 15 Minuten zum Sortieren und Umstellen erlaubte. Dass es zunächst personell die Umstellung von David Bates für Gideon Jung war, war wenig erquickend. Im Gegenteil: Sorgen machten sich breit, Jung könnte sich erneut verletzt haben. „Muskuläre Probleme“, ließ die Pressestelle des HSV verlauten, seien der Grund für die Auswechslung. Wie schlimm diese sind, wird sich erst in den nächsten Tagen zeigen.

Heute auffällig: Bielefeld hatte das Mittelfeldzentrum weitgehend im Griff und nahm Mangala, Holtby und Ito immer wieder aus dem Spiel. Auch, als Ito als hängende Spitze den Part vom nach links gerückten Jatta übernahm, wurde es nicht besser. Im Gegenteil: Wieder ein einfacher Ballverlust von Mangala keine zwei Minuten nach Wiederanpfiff brachte Yano die nächste gute Konterchance ein - allein van Drongelen wusste mit einer „alles-oder-nichts“-Aktion zu retten. Und Bielefeld ließ den HSV jetzt kommen. Konnten sie ja auch, sie führten beruhigend.

Bielefeld stand gegen zugegebenermaßen auch sehr harmlose HSVer sicher. Josh Vagnoman, der leider nicht überzeugen konnte, ging für Berkay Özcan, der gleich mit seiner ersten Aktion auf Jatta eine zumindest diskutable Situation erzeugte. Denn Jatta ließ den Ball im Sechzehner schön auf Ito prallen und dieser wurde von einem Bielefelder von hinten gestoßen. Ito fiel - aber Schiedsrichter Daniel Siebert pfiff nicht. Zurecht, wie ich finde. Im Gegenzug dann ebenso berechtigt die Gelbe Karte für Bates, der gegen Klos einen Tick zu spät kam - so aber wenigstens einen gefährlichen Konter unterbinden konnte.

Der HSV übernahm jetzt - von den Bielefeldern auch durchaus gewollt - das Kommando und hatte deutlich mehr Spielanteile. Torchancen allerdings gab es keine. Und das nicht allein wegen der Unterzahl, sondern auch mangels Ideen aus dem Mittelfeld sowie wegen eines fehlenden Abnehmers in der Spitze. Sich Ito auf diese Position zu basteln war dann auch eine Idee, die ich null nachvollziehen konnte. Spätestens nach 60 Minuten hätte Wolf meiner Meinung nach auf Arp als zentrale Spitze setzen müssen.

Der Trainer tat das nicht, brachte Arp erst 15 Minuten vor dem Ende. Für Jatta - was nur mit Schonung für Dienstag zu erklären wäre. Dass Ito in der Folge im Zentrum blieb und Arp nach Linksaußen ging - keine Ahnung, warum! Und: Dass Ito in der der 85. Minute nach schönem Özcan-Pass völlig frei vor Bielefelds Keeper Ortega mit Anlauf ziemlich uninspiriert anschoss war bezeichnend für (Ito selbst und) die Tor-Ungefahr heute. Und deshalb blieb es am Ende auch beim 0:2 aus HSV-Sicht.

Fazit: Es wird alles noch lange, lange sehr eng bleiben für den HSV, dem die Breite im Kader bekanntermaßen fehlt. Insbesondere Offensiv. Ein Indiz: Bielefeld blieb gegen den HSV das erste Mal überhaupt in dieser Saison zuhause ohne Gegentor...

Okay, heute kam tatsächlich schon sehr viel zusammen, was man nicht haben will: Hunts und Lasoggas Ausfall, die frühe Rote Karte mit anschließenden 78 Minuten in Unterzahl, das irreguläre 0:1 und ein Mangala mit seinem schwächsten Spiel bislang. Aber das Spiel heute machte auch deutlich, dass der HSV ohne zentralen Stürmer - und hier hat bislang nur Lasogga seine Qualitäten nachweisen können - auch gegen nominell schwächere Teams wie Bielefeld aufgeschmissen ist.

Vor allem dann, wenn man Jatta deshalb von seiner starken Außenposition ins Zentrum abzieht und damit gleich zwei Positionen schwächt. Dass Fiete Arp so gar keine Rolle spielt und ihm in einem solchen Spiel selbst Jatta vorn und Özcan (der es gut machte) als Einwechselspieler vorgezogen werden, das darf das Talent durchaus als Fingerzeig verstehen. Schlusswort Wolf: „Die zweite Halbzeit war okay. Wir hatten oft den Ball und haben es versucht. Außerdem haben wir uns mit Händen und Füßen gewehrt, aber es ist heute zu viel gegen uns gelaufen. “

 

 

In diesem Sinne, nicht verzagen, der HSV bleibt Tabellenführer. Allerdings muss man sich deutlich steigern, wenn man den Vorsprung nicht frühzeitig komplett aufbrauchen will.

Bis morgen!

Scholle

Das Spiel im Stenogramm:

Arminia Bielefeld: Ortega - Brunner, Behrendt, Börner, Hartherz - Seufert, Prietl - Edmundsson (54. Staude), Yabo (64. Weihrauch), Voglsammer - Klos (73. Salger)

HSV: Pollersbeck - Sakai, Jung (46. Bates), van Drongelen, Santos - Mangala - Narey, Ito, Holtby, Vagnoman (61. Özcan) - Jatta (77. Arp)

Tore: 1:0 Voglsammer (19.), 2:0 Yabo (26.)

Zuschauer: 26.515 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Daniel Siebert (Berlin)

Gelbe Karten: Brunner (21.), Seufert (41.) / Holtby (20.), Bates (63.)

Rote Karte: Sakai (12.)

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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